Morgens um vier Uhr regnet es. Die Folie, die ich über meinen Schlafsack ausgebreitet habe, hält zwar das Gröbste ab, aber die Feuchtigkeit kriecht in alle Ritzen. So schnell es mir im Schein meiner Taschenlampe möglich ist, verstaue ich meine Siebensachen in den Rucksack, verabschiede mich von den Nacktschnecken und mache mich auf den Weg. Welchen Weg? Ich hatte mir gestern Abend einen Platz gesucht, an dem ich nicht die Aufmerksamkeit von Spaziergängern und ihren Hunden wecke, keine leicht Aufgabe im Ballungsgebiet Ruhrpott. Im Hellen bin ich schnurstracks auf den Ilex zu, nun aber sind da nichts wie Brennnessel, Brombeerranken, Ilex und umgefallenen Bäume um mich herum. Wie soll ich hier je wieder herausfinden? In der Dunkelheit? Ich rufe Olli an, niemand hat so eine gute Orientierung wie Olli. Er kann meine Position auf seinem Handy verfolgen, soll er mir heraushelfen. „Ja? Oh, für mich sieht es aus, als müsstest du nach Westen.“ Westen, wo bitte ist Westen? „Ein Stück links.“ „Hier kann ich nicht durch. Es regnet, mir ist kalt“, jammere ich. Brombeeren zerkratzen meine Beine und die Brennnessel erledigen das übrige. Ich will hier raus, ich will einen halbwegs befestigten Weg. „Okay“, sagt Olli. „Ich gucke noch mal. Gleich müsstest du raus sein.“ Und legt auf. Männer! Ich gehe weiter und warte auf weitere Anweisungen, nichts! Ist er etwa eingeschlafen? Da. Da drüben schimmert etwas. Will mich da jemand verarschen? Mitten zwischen Gestrüpp liegt ein weißes Banner mit einer riesigen schwarzen Aufschrift. „Du bist auf dem richtigen Weg“. Ich fange an zu kichern, erst leise, dann lauter und schließlich pruste ich vor Lachen. Der Regen prasselt. Leute, wirklich. Was soll das? Erst als es schon dämmert, finde ich aus der Wildnis. Ignoriere Ollis Nachrichten und laufe und laufe mich warm. Mittags knallt die Sonne auf meinen Schädel und ich mache Rast. Dankbar fülle ich meine Trinkflasche und das kleine Schnapsfläschen von meinem Lieblingsplatz mit dem Wasser der heiligen Quelle, wundervolles, sprudelndes Wasser. Versunken im Moospolster lasse ich mir die Sonne ins Gesicht scheinen und krame eine Schokoriegel hervor. „Du und ich- wir rocken das Leben.“ Schorse, mein obdachloser Freund, durchfährt es mich. Jetzt reicht es aber wirklich. Das ist sein Spruch. Du verrückter Kerl, schimpfe ich in den Himmel, kannst es nicht lassen, na warte, bis ich dir wieder auf den großen Hut klopfe. Ich muss wieder unter Menschen, jetzt rede ich mit einem Schokoriegel und schimpfe mit Banner. Spätestens heute Abend will ich die Burg erreicht haben. Dort wird es wimmeln von Touristen wie mir.