Auf Elefantenjagd

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Der Duisburger Bahnhof ist für einen Wochentag leer. Der öffentliche Dienst streikt. Wir pilgern durch die Bahnhofshalle auf die große Kuppel zu. Wird Alois gleich einen Elefanten hervorzaubern? Ich halte die Spannung kaum aus. Was hat er vor? Unter der Kuppel bleibt er stehen. Sie ragt etliche Meter über uns in die Höhe. Alois weist nach oben. Unter ihr klebt- man glaubt es kaum- eine Brötchentüte. Ob die Tauben sie dort hingeschleppt haben? „Siehst du die? Was glaubst du, wie die da hingekommen ist? Hast du eine These?“ „Die Tauben“, mutmaße ich. „Hm, das ist interessant, aber nein. Wo ist das Motiv? Warum sollte eine Taube das tun? Da oben hat sie keine Möglichkeit, die Tüte nach Essbaren zu untersuchen.“ „Hm“, mache ich. Mir will partout nichts einfallen. „Ein Wurmloch“, versuche ich mich in die Denkweise des Detektives hineinzuversetzen. „Daran habe ich auch schon gedacht. Aber so funktionieren Wurmlöcher nicht. Die Tüte ist viel zu leicht, um da hindurchzugleiten, sie würde mitten im Loch hängenbleiben.“ „Woher weißt du das?“ „Ich weiß es eben. Nein, nein, pass auf…“, er wühlt in seiner Trenchcoat Tasche. Unglaublich, was er alles zu Tage fördert: Einen Bleistiftstummel, Notizblock, Maßband, Absperrband und Kreide, eine winzige Kamera, Plastikbeutel und Pinzette, ein Stempelkissen. Ich will ihn gerade fragen, ob er seine Labor immer mit sich herumträgt, da zaubert er einen Laubpuster und ein langes Verlängerungsrohr hervor. Jetzt bin ich beeindruckt. „Keine Zauberei, reine Wissenschaft“, kichert er und reicht mir das eine Ende des Absperrbandes. Kopfschütteln folge ich seine Anweisungen und befestige das Band an einer Säule. Die Reisenden um uns herum beachten uns nicht, nur ein paar Obdachlose, die sich tief in ihre Schlafsäcke vermummelt haben, gucken uns mit riesigen Augen an. „Geh hinter das Band“, befiehlt Alois und stülpst das lange Rohr über das Ende des Laubpusters, startete das dröhnende Gerät, balanciert das Rohr in die Höhe. Zunächst lassen ihn die schwere, auf seinen Rücken geschnallte, Maschine und der Luftdruck fast das Gleichgewicht verlieren und ich will zur Hilfe eilen, da fängt er sich und wirbelt Luft in die Höhe, immer der Tüte entgegen. Die bläht sich auf, flattert, klammert sich an das Bahnhofsdach als wolle sie protestieren, um dann anmutig in die Tiefe zu segeln. „Heureka“, brüllt Alois, „es funktioniert. Das ist – phänomenal, das ist der Beweis schlechthin.“ „Der Beweis wofür?“ frage ich zaghaft. Alois grinst von einem Ohr zum anderen und zieht einen kleinen Taschencomputer aus den Untiefen seines Trenchcoats. „Pass auf, pass gut auf.“ Er sieht sich nach allen Seiten um und fängt an, zu flüstern: „Ich verfolge die Spur bereits seit einiger Zeit. Seit über einem Jahr habe hier auf dem Bahnhof Leute befragt, nach Augenzeugen gesucht, selbst die Reinigungskräfte habe ich nicht ausgelassen, die sehen mehr als alle anderen… Wenn die Tüte aufgrund einer Erdbeschleunigung in die Ecke gekommen wäre, dann müsste sich auch sämtlicher Schmutz, Abfall und Staub in die Richtung bewegt haben. Hat er aber nicht! Es gibt und gab zig Möglichkeiten und wie sagte Sherlock Holmes: „Wenn alles andere ausgeschlossen ist, bleibt nur das Unmögliche.“ Mir schwirrt der Kopf.  Alois rattert Möglichkeiten herunter. Ich fühle mich wie in einen Trance versetzt, aber seine Begeisterung ist ansteckend. Was für eine Besessenheit, was für ein Jagdtrieb, das ist toll! „Und jetzt kommt es: Hier auf dem Bahnhof war eine Elefant.“ „Aber das muss doch jemand bemerkt haben.“ „Genau das ist der Knackpunkt und das macht das ganze umso unmöglicher. Überleg doch mal, was alles möglich ist, wenn die Möglichkeit, dass Elefanten unbemerkt auf dem Bahnhof herumspazieren, am wahrscheinlichsten ist?“ Er strahlt über das ganze Gesicht, macht ein Freudentänzchen. Ich lasse mich anstecken, wirble mit ihm im Kreis, weiter und weiter,  bis in die Ecke hinein, stolpere und sehe ihn: Einen kleinen Stein. Von Alois unbemerkt lasse ich ihn in meine Hosentasche gleiten.