Der sechste Reisetag

„So geht es nicht weiter“, schimpft Olli am nächsten Tag. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und war kurz davor, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, weil ich das Wirrwarr in meinem Schädel nicht mehr ausgehalten habe. Olli drückt mir einen Helm auf den Kopf, einen großen Helm, und sichert ihn um meinen Hals mit einem Vorhängeschloss. Er meint es ja gut mit mir. Heute geht es raus aus der Stadt, in die Natur, vielleicht komme ich da zur Ruhe. Bei der Rheinorange, einem in den Himmel ragenden Pfosten in reinorange, dort, wo Ruhr und Rhein sich treffen, setzt mein Lebensgefährte mich ab, gibt mir noch ein Küsschen auf den Mund und ab geht es –  auf den Ruhrhöhenweg. Der Weg geht über Kilometer am Fluss entlang und führt mich auch an meinen Lieblings- und Sonnenplatz vorbei. Eine kleines leeres Schnapsfläschen liegt dort als hätte es auf mich gewartet. Na gut, dann komm mit auf meine Reise, wer weiß, wozu ich es brauche. Der Wanderweg ist überall an Laternen und Baumstämmen mit einem x und einem kleinen r darunter gekennzeichnet und führt über mehrere Tagesetappen bis zur Mündung der Ruhr. Auf meinem Handy habe ich mir den heutigen Streckenabschnitt heruntergeladen. Es dürfte also kein Problem sein, dem richtigen Weg zu folgen. Ich werde von der Ruhr weg an die Straße geführt, einen kurzen Abschnitt nur, über eine Brücke. Über eine Brücke? Wo ist die Brücke, verdammt, dort, wo sie sein sollte, sind nur noch Monumente, liegen Betonreste. Panisch renne ich hin und her und am Abgrund entlang.

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„Wie soll ich so dem richtigen Weg folgen- bitte?“ Mir ist als würde ich von drüben Menschen rufen hören und winken. Leute- ich komme ja, ich muss nur noch diesen Abgrund überwinden und bin bei euch. Oh, da habe ich mich wohl zu tief herabgebeugt, mein Helm purzelt munter. Vielleicht ist das die Lösung, wenn ich Steine sammle, ganz viele… welch absurder Gedanke. Es nützt nichts, ich muss von dem Weg, der mich ins Paradies führen sollte, abweichen. Dafür muss ich am Zoo vorbei, wieder an der Straße entlang. Ob Ollis Ameisenbär Ollis Geruch an mir über die Mauern hinweg erschnuppern kann? Das wäre schön. Von diesem Gedanken beseelt laufe ich weiter und weiter. Tief in den Wald hinein, weiße Taubenfedern säumen meine Strecke. Oh, du heilige Taube. Ich lächle den Blumen zu, bleibe wieder und wieder stehen, bewundere Mooslandschaften und Pfützen, zwei Bäume tanzen Ringelreihe miteinander. Schmetterlinge flattern umher und Steinwesen nicken. Ich laufe und laufe und erst spät abends sinke ich unter ein Ilexblätterdach, futtere noch ein wenig Studentenfutter und Brötchen. Nacktschnecken kriechen auf mich zu, ich lege ihnen etwas Nahrung aus, auf das ich morgen früh nicht unter einen Berg von diesen schleimigen Dingern aufwache. Sterne schimmern durch das Blätterdach und dort drüben ist der Mond. Ein Vöglein setzt sich auf dem Zweig vor mir und betrachtet mich nachdenklich. „Na, bist du endlich auch da?“, scheint er zu fragen. Ja, ich bin angekommen in den Armen von Mutter Natur und fühle mich wunderbar geborgen. Warum nicht liegenbleiben und langsam im Erdreich versinken, bis in alle Ewigkeit? Und irgendwann, wenn sie mit meinem Opfer fertig sind, kommen die Nachtschnecken und Käfer. Aber was macht das schon?