Ich bekreuzige mich nicht, aber mein Haupt ist tief gesenkt, als ich durch die Tür der Liebfrauenkirche in Duisburg trete. Ich will Buße tun. Ich bin ausgezogen, die ewige Unruhe und den unendlichen Freiheitstrieb in mir zu befriedigen, dabei habe ich genug Zeit, um über meine Sünden nachzudenken. Es ist eine Pilger- und Büßerreise in eine Welt, die so anders ist als alles, was ich zu kennen meinte. Sie scheint mir so fremd. Wie soll ich mich zurechtfinden? Wie soll ich mich vor meiner Haustür zurechtfinden? Ein Pilgerer ist eine Person, die zu heiligen Orten reist. Ich kenne den Ort nicht, an dem meine Reise endet. Wie der ewige Jude werde ich als Pilgrim (vom lateinisch peregrinus) der ewige Fremde sein. Vielleicht finde ich hier, an diesem stillen Ort, eine Antwort darauf, wie es weitergehen soll. Demütig zünde ich eine Kerze an und schreibe mich in das Sorgen- und Gebetsbuch ein. Was für kraftvolle Orte Kirchen, Moscheen, Tempel sind. Wieviel Sorgen und Ängste, wieviel Freude und Lachen wabern hier durch die Lüfte. Ein Beichtstuhl in einer Ecke zieht mich magisch an. „Komm nur mein Kind, komm nur. Was kann ich für dich tun?“, wispert eine fistelige Stimme aus dem mit einem damastroten Vorhang verhängten, reich beschnitzen Holzstuhl. „Ich habe gesündigt.“ Hab ich das gesagt? Ich bin nicht katholisch, war noch nie im Leben zur Beichte. Was ist nur los mit mir? Ich fange mit dem an, was mir am harmlosesten erscheint: „Ich habe den Zauberstab des Narren des großen Muli gestohlen.“ Schweigen, eine Minute, zwei Minuten. Ein Grollen, ein Donnern schwillt neben mir an. „Das ist,“ grummelt und dröhnt es in unglaublicher Lautstärke aus dem Kasten „,das ist in der Tat eine schwere Sünde.“ „Ich will ihn ja zurückgeben. Wirklich!“ Der Kirchenmensch neben mir schnaubt Luft aus, lispelt: „Und weiter? Was ist dein Vergehen?“ Wenn es nur eines wäre. Ich bin ein so leidenschaftlicher Mensch. Wenn mich meine Leidenschaft gefangen hält, dann ist alles vorbei. Ich liebe es, mit nackten Füßen durch das Gras zu laufen, ich mag den Regen, der mir auf die Kopfhaut prasselt, die Blumen zu streicheln, an ihnen zu riechen, ich genieße jede Streicheleinheit, die mir Olli zuteilt, wie ein flauschiges Alpaka. Ich bin der Welt verfallen. Wieder und wieder führt das Leben mich in Versuchung. Stundenlang träume ich vor mir hin. Als könne der Priester Gedanken raten, fängt er in einer Art Sing- Sang an zu reden: „Du musst dieser Leidenschaft folgen. Folge ihr und du wirst Unglaubliches erfahren. Folge deinen Ideen, die dir durch den Kopf schießen wie wilde Glühwürmchen, dann wirst du ihn finden, den richtigen Weg, den Weg, den nur du gehen kannst. Sei vorsichtig, er ist voller Gefahren, du wirst in Versuchung geführt werden, die reguläre Asphaltstraße zu benutzen, die, die jeder benutzt.“ Mein eigener Weg! Wie soll der aussehen? Ich habe Bilder von wilden Landschaften im Kopf, reißenden Bächen, bis in den Himmel ragende Bäume, Bergen und Wüsten, Dschungel. An meinem ersten Tag habe ich es nicht einmal über die Ampelkreuzung geschafft! Das soll richtig sein? „Das ist Wahnsinn,“ schießt es aus mir heraus. „Ich weiß,“ kichert es neben mir. „vielleicht bist du wahnsinnig, vielleicht wirst du wahnsinnig, Was macht das schon? Verrückt, verrückt, verrückt…“ „He.“ Ich springe auf, muss dem Priester in die Augen sehen, reiße den Vorhang zur Seite. Der Beichtstuhl ist leer. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein Tier aus der Kirche traben. Das große Muli! Ja, wollen mich denn alle verarschen?