Geisterbahn

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Ich bin jeden Tag für ein paar Stunden allein zu Hause. Toll – werden Sie vielleicht denken. Da kann man staubsaugen, Fernsehen gucken, mit Freunden telefonieren, in der Nase bohren. Nein, kann man leider nicht, dafür ist keine Zeit! Ollis Wohnung hat nämlich keine normalen Lichtschalter. Es ist alles über Wärme- und Bewegungsmelder gesteuert. Das letzte Mal, dass ich in einem Gebäude war, in dem die elektronische Schaltung über Bewegungsmelder lief, stand in Scheeßel auf dem Marktplatz und es war eine Geisterbahn. Meine beste Freundin und ich sind eng hintereinander durch die dunklen Gänge gestolpert, bestimmt an die zwanzig Mal. Der Budenbesitzer hat gut an uns verdient. Wir haben uns jeden Auslösepunkt und dazugehörigen Schrecken in Form eines Geistes, Vampires oder kopflosen Piraten und einem klappriges Skelett mit Spinnenweben, das fast unsere Köpfe berührte, sorgfältig notiert. Uns konnte nichts mehr erschrecken, wir hatten einen Plan. Bis ich den hier in Ollis Wohnung habe, das dauert noch. Das Problem ist, dass der Olli größer ist als ich. Sämtliche Melder sind auf einen großen Menschen eingestellt. Ich werde eiskalt übersehen. Sie werden verstehen, dass das nach der Ausarbeitung einer Strategie ruft. Wenn ich wüsste, welche Punkte, Felder und Linien  was auslösen, dann wäre ich schon viel weiter. Ich könnte im Hellen durch die Wohnung gehen und mich im Ernstfall ganz unbemerkt im Dunkeln durchschleichen. Und wenn ich mit allem fertig bin, eröffne ich hier Geisterbahn. Bewegungsmelder Nummer Eins ist zugleich der aufdringlichste. Kaum hat man einen Fuß über die Schwelle gesetzt, verfolgt einen die Flutlichtlampe auf Schritt und Tritt. Keine Chance, das Portal unbemerkt zu betreten! Dieses hartnäckige Ding ist es auch, was zuerst angeht, wenn ich von der anderen Seite nähere, zum Beispiel auf die Toilette muss, die in der Mitte der Wohnung liegt. Menschen mit Verfolgungswahn hätten hier wirklich ihre Schwierigkeiten, aber ich gebe mir Mühe, mich mit dem Ding friedlich zu stimmen. Der zweite Melder sitzt genau über der Zwischentür und verweigert mir wieder und wieder jede Aufmerksamkeit. Gerade, wenn ich vom laufen komme und schnell die Tür öffnen möchte, geht das verflixte Ding nicht an. Oft genug muss das Handydisplay genügen, um das Schlüsselloch zu finden. Ins Schlafzimmer fällt meist Tageslicht. Hier kann ich mich ohne Probleme zurechtfinden. Das Licht über der Spüle habe ich inzwischen verstanden. Es geht an, wenn ich in einem bestimmten Winkel über dem Wasserbecken mit den Händen wedle. Manchmal, wenn ich zu dicht an der Spüle vorbeigehe, geht es auch so an. Das ist vor allem nachts sehr lästig. Apropos Nachts. Der Weg zur Toilette ist eigentlich leicht  zu finden. Bewegungsmelder Eins tut seine Pflicht und im Nebengang geht auch recht schnell ein großes Licht an. Im Toilettenraum selbst leuchtet eine schwache Funzel, kaum hat man den Raum betreten. Das Licht genügt aber nicht zum Zähneputzen oder für einen kritischen Blick in den Spiegel. Ich muss mich ganz groß machen und dem Melder über der Tür zuwinken, möchte ich nicht im Halbdunkeln stehen. Manchmal klappt es auch, wenn ich in einem bestimmten Winkel vom Klo aufstehe.  Sie merken schon, es bleibt spannend hier. Ich für meinen Teil kann mich ohne Probleme den ganzen Tag mit den Lichtern hier beschäftigen. Das erste Gespenst für meine Geisterbahn ist auch schon da. Und wenn es mir zu langweilig wird, spiele ich: „Nicht den Fußboden berühren“.

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