Krank

Ich bin krank und musste die Reise abbrechen. Tagelang lag ich mit Durchfall in meinem Zelt. Zum Glück habe ich den Weg in die nahegelegene Ortschaft geschafft und konnte mich jeden Tag mit frischem Wasser versorgen. Was die Leute dort gedacht haben mögen, wenn ich mit meiner Einkaufstüte an ihnen vorbei über die Feldwege gelaufen bin, möchte ich nicht wissen. Es ist nicht schön zu merken, wie die Kräfte von Tag zu Tag nachlassen. Wahrscheinlich habe ich mir die Krankheit zugezogen, weil ich Wasser aus einem Bach getrunken habe. In Reims habe ich mir zwei Tage im Hotel gegönnt, bevor es mit dem Flixbus und Harris im Gepäck zurück nach Deutschland ging. Erstmal gesund werden. Die Reise geht weiter. Wer weiß, wofür die Unterbrechung gut ist. Ich habe mich mit meiner Wanderschaft an die körperliche Grenze gebracht. Es war ein Weglaufen, kein Hinlaufen. Ich muss das anders anpacken, das ist mir klargeworden. Ich habe mein Ziel aus den Augen verloren. Die vielen Dinge um mich herum haben mich abgelenkt. Weder bin ich mit Harris ein Stückchen weiter gekommen, noch meinem Ziel, zu beweisen, dass die Welt verrückt ist. Mit einem Stock durch die Gegend zu rennen, das kann jeder. Wer aber kann ihn als Zauberstab benutzen? Und das ist die hohe Kunst. In meinem Zimmer habe ich mich zurechtgefunden, weil die Punkte an der Wand Namen und ihre eigenen Geschichten hatten. Möchte ich meine Reise bewusster gestalten, muss ich mir meine eigene Karte von der Welt zeichnen, sie durchwandern und durchleben. Längst habe ich begriffen, dass es eine Auszeichnung ist, sich in diese Welt geworfen und fremd zu fühlen. Das, was für andere selbstverständlich ist, bleibt für mich immer etwas Besonderes und Bestaunenswertes. Es ist ein großes Geschenk, das erleben zu dürfen. Es ist ein Geschenk, das Leben so tief fühlen zu dürfen. Meine Krankheit, so lapidar sie im Vergleich zu dem ist, was andere erleiden müssen, hat mir das noch einmal vor Augen geführt. Der Tod ist uns so nah. Ich habe keine Todesangst. Er ist nichts als ein Übergang und ich sehe ihn mit einem lausbubenhaften Grinsen auf einem prächtigen Pferd, wenn ich ihn mir personalisiert vorstelle. Aber im Jetzt und Hier darf ich mit allen Sinnen leben. Sitze ich jetzt in meinem Zimmer in Deutschland, muss ich mich nicht in die weitere Welt wünschen. Es ist alles da. Ich habe zwei lustige Füße, die mich nicht nur tragen, sondern ihren eigenen Charakter haben. Sie sind ein Teil von mir und wiederum nicht. Wie kann ich das am Besten beschreiben? In meinen Körper bin ich im Laufe meines Erdendaseins hineingewachsen. Und doch ist er nichts als eine mögliche Daseinsform, die es zu entdecken gilt. Ich könnte ebenso gut etwas oder jemand ganz anderes sein. Meine großen Zehen heißen seit ein paar Jahren Raziel der Linke, Spitzname Estragon, und Habaguck der Rechte. Nein, das hat keine besondere Bewandnis. Das sind die Namen, die mir zuerst in den Sinn gekommen sind. Diese beiden Abenteuerer tragen ihre Nasen so hoch, dass sie mir mit ihren Spitzen Nägeln sämtliche Socken und Schuhe früh oder später durchbohren. Sie sind genauso neugierig auf die Welt wie ich und wackeln fröhlich vor sich hin, wenn sie nicht eingesperrt werden. Ich könnte ihnen stundenlang dabei zuschauen. Und es ist bestimmt ihre Schuld, dass ich so gerne mit den Füßen hoch in die Luft irgendwo herumliege. Das ist doch alles etwas! Und sie begleiten mich schon mein Leben lang. Ich kann ihnen ihre eigenen Charaktere und Geschichten schreiben. Sie sind da und doch so fremd. Sie sind ein Teil der Ausrüstung, die ich in diesem Leben bekommen habe, um zu spielen. Ich bin nie allein, die zwei Gesellen sind immer bei mir. Und jetzt versucht mal selbst, eure Füße unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Leute- das macht Spaß. Solche Dinge gehen mir durch den Kopf, wenn ich zu einer Ruhepause gezwungen werde. Bald geht die Reise weiter. Vorerst sind alle Tiere, die sich in mein Zelt bereits eingenistet hatten, ausgesiedelt. In meinem Hotelzimmer in Reims musste ich zwei Marienkäfer in die Freiheit entlassen. Wer weiß, vielleicht wird mein Zelt irgendwann ein Winterquartier.


Das Latino Hotel in Reims