Hurra, hurra, der Sommertag ist da. Und es ist gleich so was von heiß. Das bringt mich Norddeutschen mit meinem schweren Gepäck ganz schön an meine Grenzen. Immerhin habe ich es noch von Santiago do Cacem zum Badoca Safari Park und dann nach Vila Nova de Santo Andre geschafft, mit einer Übernachtung im Zelt inklusive. Ich konnte nicht anders – ich musste unbedingt noch einmal an das Meer. Das hat sich auf alle Fälle gelohnt, nicht nur die lieben Tiere im Safaripark, sondern auch der einsame Sandstrand. Leider habe ich mir dabei wohl einen Sonnenstich geholt. Die totale Erschöpfung und Übelkeit. Und wieder bin ich nur auf hilfsbereite Menschen gestoßen: Mein Pensionswirt hat mich mit samt Harris zur nächsten Unterkunft gefahren. Hier sammle ich Kräfte, neue Pläne und anderlei Schabernack.
Weil ich herumgeschäckert habe, dass ich aufbreche zu meiner großen Reise, sobald ich eine Pfauenfeder finde, und mir dann gleich ein ganzes Pärchen über den Weg gelaufen ist, bin ich losgezogen Was bedeutet es, wenn ich jetzt mit Pfauen Maiswaffeln teile?
Im TierparkIst allenheiß Der lachende Hans verspeist noch schnell sein Frühstück- ein ganzes, totes Kücken.Der Wegesrand hält wieder Überraschungen bereit- hier meine TraumvillaIn meiner Unterkunft in Vila Nova do Santo Andre. Wundert’s, dass die Menschen so herzlich sind?Das MeerEin Sackträger. Dieses Tierchen schleppt sein Leben lang den selbstgebauten Sack als Schutz mit sich herum. Hab ihn auf dem heißen Sandweg nur entdeckt, weil er sich gegen die Windrichtung bewegt hat.Muss ich euch noch zeigen: Ein Laden in Santiago do Cacem. Leider geschlossen.
Egal, was ich mache, egal über was ich nachdenken: Ich bin nie allein. Hier hat sich eine Taube zu mir und Harris gesellt.
„Über was denkst du nach? Du sitzt da und schaust umher, schreibst zwischendurch etwas auf. Deine Augen sind überall.“ Darauf wurde ich in einem Cafè hier in Santiago do Cacem angesprochen. Ich wurde kalten Fußes beim Trödeln, auf Englisch „dawdle“ und „enrolar“ in Portugal erwischt. Nun, das ist nun einmal die beste Art, um zu reisen. Ich bin nicht mehr auf der Flucht, ich renne nicht mehr vor mir selbst weg, ich stelle mich meinen Gedanken und Gefühlen. Und wenn an einem Tag das Glück durch meine Adern rauscht und mir an einem anderen die Tränen aus den Augen kullern vor Weltschmerz, Hilflosigkeit und Einsamkeit, dann ist das so. Meine Reise ist ein Akt der Buße und einer der Selbstfindung. In mir brodelt so viel. Eines Tages werde ich zurückkehren und nicht mehr schweigen. Ja – ich habe gesündigt, aber wer hat das nicht? Ich bereue nicht, dass ich meiner Liebe gefolgt bin und meiner Leidenschaft, ich bereue nur, dass ich nicht richtig reagiert habe. Ich lerne mehr und mehr, auf mein eigenes Herz zu hören. Es ist gut möglich, dass sich einige Menschen deshalb abwenden, aber ich bin überzeugt davon, dass viele genau das schätzen werden. Ich bin so dankbar über die Menschen, die mich begleiten und sei es nur in Gedanken. Aber was ist mit denen, die mich verurteilen? Ich vermisse meine Kinder und weiß, dass das, was jetzt passiert, längst nicht mehr richtig ist. Für niemanden. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich ganz viel bewegen kann, je freier ich werde, je mehr ich bei mir selbst ankomme und meinen verrückten Wanderstock stolz schwinge als Akt des Widerstandes gegen all die Begrenzungen, die uns auferlegt werden, durch gegenseitige Intoleranz, festgefahrene Gewohnheiten und das, was andere das System nennen, uns aber nur weiter und weiter von unserem eigentlichen Sein fortführt. Ich sehe Menschen und fühle mit ihnen und eines Tages werde ich nicht mehr schweigen. Meine Welt mag euch allen unwirklich erscheinen, aber sie ist absolut frei und genial. Harris führt mich tiefer und tiefer hinein und an manchen Tagen kann ich nur mit offenem Mund dasitzen und staunen. Gerne führe ich auch euch hindurch – irgendwann. So weit bin ich schon wieder gelaufen. Am Wegesrand und auf den Wiesen blühen gelbe, blaue und rote Blumen. Der Kuckuck ruft. Störche sitzen auf ihren Nestern und kreisen hoch in den Lüften auf der Suche nach Nahrung. Es ist die Zeit der Störche und des Neuanfangs. Mein Weg ging über Grandola nach Santiago de Cacem. Nachts im Zelt ist es jetzt angenehm warm. Ich wurde von Wildscheinen besucht und dachte in der Dunkelheit, dort hätte ein Bär gegrunzt. Auf dem Marktplatz in Grandola hat eine Taube sich abgelegt und den Zebrastreifen und mich beobachtet. Ein lustiges Ding. Bestimmt studiert sie das Verhalten der Menschen. Bei einem Hund an einer kurzen Kette musste ich an einen Hund in Deutschland denken. Die Besitzerin hat ihn an der extrem kurzen Leine geführt und er durfte gar nichts, nicht einmal schnuppern, am liebsten keinen Laut von sich geben. So ein verängstigt Tier! Das passiert, wenn Menschen Macht ausüben wollen. Wenn es anders nicht geht, lassen sie es an den Tieren aus. Wenn mir so etwas noch einmal begegnen sollte, werde ich auch da nicht mehr schweigen. Die Chance, etwas zu ändern, einzugreifen, kommt nur einmal. Ein anderer Hund hier in Santiago de Cacem hat Harris angebellt. Es war bestimmt so einer, der als Kampfhund bezeichnet wird, weil er auch einen Maulkorb tragen musste. Die Besitzerin hat ihn aber ganz ruhig an Harris herangeführt. „Ja, schau, ein Stock!“ Das Tier ließ sich von mir streicheln und das Mädel hat sich total gefreut, als ich ihren Hund gelobt habe. Da stimmt die Beziehung. Nur wegen dem Urteil anderer, die das Wesen des Hundes nicht mal kennen, muss er den Maulkorb tragen. So sind meine Gedanken, kreuz und quer. Wie meine Reise, kreuz und quer.
GrandolaWow. Da liebt jemand die Kunst und seine Tiere.Entdeckt ihr die Wildschweine? Sogar Frischlinge sind in der Rotte von bestimmt fünfzehn Tieren.Alles blüht.Und da ist ein Bär! Wundern tut mich nichts mehr. Die einen sagen, es ist meine Fantasie, die anderen nennen es Magie.Ein liebevoll eingerichteter Rastplatz mitten in der Wildnis Santiago do Cacem
Wenn die Dimensionen sich mit den Elementen und dem Leben verschränken, dann beginnt die tobende und atemberaubende Wirklichkeit. Das ist das wahre Abenteuer.
Dieser Mond sorgte für eine schlaflose Nacht mit viel Zeit für bunte Gedanken
Portugal hat mich wieder! Mein Rucksack ist um ein Herzchen aus Leder schwerer geworden, meine Gedanken leichter bei dem Gefühl, dem entgegenzulaufen, was meine Bestimmung ist und dabei Unterstützung zu bekommen. Von lieben Menschen und unsichtbaren Kräften. Harris hat brav in der Unterkunft in Vendas Novas auf mich gewartet. Wild tauschen wir unsere Energien aus – Liebe, Schöpferkraft und Magie. Diesen Funken will ich gerne und mit offenem Herzen an andere – ob Mensch, ob Wesen – weitergeben. Dafür wandere ich auf der Welt umher. Leider musste ich feststellen, wie hilflos ich trotz allem bin. Die Schildkröte ist tot. Ich habe ihren leeren Panzer am Fluss gefunden. Hätte ich anders reagieren müssen, als wir uns begegnet sind? Wie war ihr Schicksal? Wurde sie von wilden Tieren angegriffen, hat sie sich krank und hilflos mit letzter Kraft zum Fluss geschleppt? Ich werde das nie erfahren, sie aber nie vergessen. Den Border Collie Welpen geht es dafür umso prächtiger. Sie sind richtig groß geworden in den vergangenen Wochen und hätten zu gerne mit mir gespielt. Die Mama hat ihre Streicheleinheiten bekommen und der Besitzer hat mir noch einen Kaffee gekocht. Ich hätte auch eine Welpe mitnehmen können, aber wie soll das gehen, wenn ich selbst noch nicht einmal weiß, wo ich hingehöre. Wenn mich jemand auf meinen Touren beobachten und dem lauschen würde, was ich vor mir hin murmle, würde er mich bestimmt für verrückt erklären. Aber das macht mir nichts mehr aus. In Lissabon war ein dünner Mann mit Mütze, Jeans und Turnschuhen und hat allen PKW s auf dem Platz entgegengepfiffen und gewunken. Er wollte ihnen ihren Parkplatz zuweisen. Mit einem Mann im Porsche ist er noch um das Auto herumgelaufen und hat gefachsimpelt. Nun, ich möchte Wetten, dass dieser Mann in seiner Welt und mit seiner großen Aufgabe glücklicher ist, als so manch anderer. Wir sind nie an das gebunden, was andere von uns denken. Jeder darf sich seine eigene Welt bauen, nur nicht auf Kosten anderer. Das ist Freiheit. Und mein bester Freund ist nun einmal ein Stock und ich bin stolz darauf. In einem Cafè lief Taylor Swifts “ Opalite“ im Fernsehen. Dabei geht es um eine Frau, die einen Felsbrocken als Freund hat, und um einen Mann mit einem Kaktus. Diese Menschen werden von niemanden verstanden und gebeten, die Restaurants und Bars mit ihren Freunden zu verlassen. Am Ende kommen die Frau und der Mann zusammen und sie verleugnen ihre ehemaligen Gesellen. Nun – noch werde ich mit Harris überall willkommen geheißen, aber ich schwöre, das bleibt auch dann so, wenn sich das ändern sollte. Ich stehe zu meinem Anderssein. Ich bin auch ganz ruhig geblieben, als auf dem Weg in die nächste große Stadt von Vendas Novas aus, das sind über vierzig Kilometer und dafür brauche ich schon ein paar Übernachtungen draußen, ein Polizeiauto mit Blaulicht ganz langsam an meinem Schlafplatz direkt unterhalb der Straße vorbeigefahren ist. Geschützt hat mich nur das hohe Gras und der Abhang. Mein Zelt hatte ich Gott sei Dank noch nicht aufgebaut. Und dann ist eine ganze Horde fröhlicher Pilgerer auf dem Weg nach Fatima an mir vorbeimarschiert! Deshalb der Polizeischutz! Sie haben mir zugewinkt und ich konnte ihnen „Bon Camino“ wünschen. Zu lustig. Erwischt mitten im schönsten Trödeln und Schreiben, eingequetscht zwischen Straße und dem Maschendrahtzaun einer Schafsweide. Nun bin ich in Alcacer do Sal, einer Stadt mit einer wilden Geschichte. Wegen des Salzes und der guten Lage am Fluss, waren nicht nur die Römern, sondern auch die Muslime hier. Der Museumswärter wusste mich nicht zuzuordnen. Wegen meinem komischen Gemurmel, durchmischt mit ein paar Brocken Portugisisch, meinte er, ich wäre vielleicht Portugiesin. Meine Aussprache sei akzentfrei. Und das mir, die so schlecht fremde Sprachen lernt. So was ist mir noch nie passiert. Und ach ja, ich darf nicht vergessen, von Henry zu erzählen. Henry habe ich in Casabres schon von Weitem aus einem kleinen Cafè lachen hören. Um zehn Uhr morgens gönnt er sich da seinen Rotwein und unterhält auch die Hundedame Maria seines Trinkgenossen Markus bestens. Henry hat eine Ex- Freundin in Brasilien, die er unbedingt wiedersehen möchte, und lachte sich über meinen schweren Rucksack und Harris scheckig. Über mein Sternzeichen hat er mein Alter herausgefunden und mich für jünger befunden. Mit Maria habe ich meinen Kekskringel geteilt. Aber die Feinschmeckerin nimmt den nur vorsichtig zwischen die Zähne, um ihn draußen auf dem Gehweg abzulegen. Bon Appetit an den nächsten freilaufenden Hund. Oder Katze? Beijinhos e Abracinhos, Küsschen und Umarmung, darauf bestand Henry zum Abschied. Meine Reise geht weiter, eine Mischung aus höchster Anstrengung, reiner Natur und Trödeln in der nächsten großen Stadt. Mit jedem Schritt öffne ich mich weiter für die große Welt. Willkommen!
Meine Begleiter: Peace and HeartErkennt ihr, was das ist?Portugal hat mich wiederWildStacheligUnd mysteriösMein skurriler SchlafplatzZwischen Straße und WeideAlcacer do salIm Castel Fundstücke Überbleibsel aus einer faszinierenden ZeitNeben schönsten BlumenwiesenWie liebevoll bepflanzt!Gehört nicht hierher? Nach Schönebeck? Aber seht euch doch diese Form an, so untypisch, anders, magisch!Da hat das Huhn während des Legens Salto und Purzelbäume getanzt, anders kann ich mir das nicht erklären. Welche Freude, welcher Stolz, welches Gegacker als das Huhn dieses Prachtstück das erste Mal gesehen hat.
Ich bin schon lange lange wieder in Schönebeck an der Elbe. Und wieder ist es nur ein Zwischenstopp. In wenigen Wochen werde ich wieder aufbrechen. Harris wartet auf mich in Vendas Novas bei dem Künstler. Im Moment bin und besuche ich all die Menschen, die mir in Deutschland wichtig sind. Die Zeit in Portugal habe ich noch in vollen Zügen genossen und auch wieder draußen geschlafen. Ich liebe die Freundlichkeit der Portugiesen: Ein Mann hat mir nicht nur gezeigt, wo ich Wasser bekomme, sondern gleich einen riesigen Laib Brot geschenkt. Seine Border Collie Dame hat gerade Junge bekommen. So eine entspannte Mutter ist mir noch nie begegnet. Ganz gechilt ist sie zwischen ihren Welpen und ihren anderen Schützlingen, Schafen und Kühen, hin und hergelaufen.
Begegnung am Flusslauf.
Harris in der Ecke, zwischen ganz vielen LichternBorder Collie BabysDer botanische Garten in LissabonEntdeckt in einem Buchladen. Sensor MuliSandkünstler am Meer in LissabonHarris GefährteIm NaturkundemuseumForschungDer Steinkreis bei Helmstedt in DeutschlandEin kleiner Außerirdischer im SteinkreisOstern in der NaturDer Zauber ist überallSag ich es doch!
Ich habe Luchse gesehen – es ist phänomenal, was für einen Frieden, eine Eleganz und gleichzeitig Verspieltheit diese Tiere ausstrahlen. Sie waren weit von mir entfernt und doch habe ich das gespürt. Kennt ihr Cap und Capper? Die Szenen, wo der junge Fuchs und Hund spielen, oder wo der Fuchs am Ende seiner Füchsen begegnet? So ein Märchen hat sich direkt vor meiner Nase abgespielt. Das ist die Belohnung für die immer noch kalten Nächte im Zelt. Jeder nächtlicher Toilettengang geschah unter sternenverhangenem Himmel. Ich bin jetzt in Vendas Novas angekommen. Meine Wanderung ging über breite Sandwege an Hängen mit Korkeichen vorbei. Meine Sorge um Wasser hat sich mal wieder als unnötig erwiesen. Ein Mann auf einem Quad, der mit Hilfe seiner Hunde ein Schaf mit seinem Baby auf die heimatlichen Wiese bringen wollte, hat gefragt, ob ich etwas brauche. In der Zeit, wo er zu seinem Haus gedüst ist, konnte ich die Tiere beobachten. Der Hund hat seinen Job sehr ernst genommen, aber respektvoll Abstand zu der Mama gehalten, notfalls hätte sie ihr Lamm mit den Vorderfüssen verteidigt. In Vendas Novas habe ich mich von den Bildern des Herbergsvaters überwältigen lassen. Er malt Bäume, Steine und Landschaften. In seinen Bildern sieht man die Wesen in den Bäumen. „Es ist, als wenn ich im Kino sitzen würde.“ Ja, das kenne ich nur zu gut. Wundervolle Natur! Er hat eine Klasse für Kunstschüler und ein richtiges Atelier und am gleichen Tag im Mai Geburtstag wie ich. Das Haus seines Freundes steht am Fluss und als das Wasser über die Ufer getreten ist, hatte er es meterhoch im Haus. Aber statt die Nerven zu verlieren hat der Freund sich darüber kaputtgelacht, dass seine Blumen in das Badezimmer geschwommen sind. Im Supermarkt hier durfte Harris nicht im Einkaufswagen mitfahren. Der Sicherheitsmann hat protestiert und ich musste Harris unter seiner Bewachung lassen. Ich fand das lustig und habe dem Mann gleich noch meinen schweren Rucksack hingestellt. Und weil das Papiergeschäft nicht mit im Supermarkt ist und ich dort auch noch ganz dringend hin musste, fand der Gute sich bald umgeben von Harris, Rucksack und Einkaufswagen. Der fragt nie wieder eine Frau mit Stock, ob sie ihren Knüppel bei ihm lassen kann.
Hier wohnen die LuchseDie stolze, erleichterte und erschöpfte MamaWow!!!So könnte meine Villa Kunterbunt aussehen. Für einen Esel ist allemal Platz auf der Terrasse Reisen durch die Galaxie – vor einer Bar in Vendas NovasIn diesem Laden findet jeder etwas
Das Friedenszeichen und die lieben Worte meiner Gastgeberin in Samora Correia begleiten mich nun auf meinem Weg
Die Tage gleiten nur so dahin. Ich genieße die portugisische Sonne und das Vogelgezwitscher, sogar einen Kuckuck habe ich schon gehört. Und an einem See ist ein Eisvogel vor mir davongeflogen. Die Felder sind weiß von Kamilenblüten. Endlich ist der Frühling da. Und ich habe Stiere gesehen. In einer sehr stürmischen Nacht hat es hinter meinem Zelt gemuht. Oh, eine Kuh, dachte ich. Die Überraschung war groß, als ich dann am nächsten Morgen einen prächtigen schwarzen Stier auf seiner Weide begrüßen durfte. Ein anderer Stier hat mir wenig später den Weg gewiesen. Manchmal ist der Jakobsweg sehr schwer zu finden und diesmal ging er mitten über Wiesen und Weiden. Der Stier hat mir gezeigt, dass man sehr wohl durch einen über seine Ufer getretenen Fluss waten kann. Ohne ihn hätte ich das nicht gewagt. Aber es war schon ein mulmiges Gefühl, einem jungen Stier gegenüber zu stehen. Ohnehin gab es in diesen Tagen viele Hindernisse. Einmal musste ich ganz einen anderen Weg suchen, weil der richtige schlichtweg weggebrochen war, ein andermal flog mein schwerer Rucksack erst über den Zaun, dann Harris und ich hinterher. Und Harris hat mir wieder gezeigt, wie richtig es war, dass er mich begleitet: Adriana in Samora Correia hat seine Energien sofort verstanden. Wo ich jetzt bin? Irgendwo bei Fazendas das Figureias. Ich mache hier für ein paar Tage Rast und versuche, mich zu sortieren. Meine Gastgeber hier sind halb afrikanisch. Wenn ich mal nicht weiter weiß, könnte ich in Afrika den Menschen das Gärtnern und etwas über die Natur beibringen. Meint das Ehepaar! Sie näht wundervolle Handtaschen, Kleider und Shirts in den strahlensten Farben.
Da hinten steht mein WegweiserSo viele Vögel wie an dem Tag, als es an matschigen Feldern vorbeibringen, habe ich noch nie gesehen. Enten, Ibis, Gänse, Reiher und StörcheFundstückUnd plötzlich ist da kein Weg mehrDer ZaunDa war mal eine BrückeFarbenfroherAnmutigerFrühlingMeine Kleckereien
Manchmal überholen wir – die Ponte Rainha Dona Amelia ist für Autos einspurig
Manchmal werden Harris und ich mitgenommen. Ich lege es nicht darauf an und doch passiert es in letzter Zeit ständig, dass ein PKW neben mir hält und mich der Fahrer fragt, ob ich ein Stück mitgenommen werden möchte. Ich muss dann immer an den Anhalter aus meiner Kindheit in der kleinen und karierten Stadt denken, wo ich aufgewachsen bin. „Glotz nicht so, wenn du groß bist, machst du das auch,“ meinte er zu mir. Ich musste wirklich richtig groß werden, um das zu tun. Bedenken habe ich in Portugal überhaupt nicht. Nachdem ich Santarem hinter mir gelassen hatte, ging es am Tajo entlang und an einem Nebenfluss. Ein Weinbauer hat mich rechtzeitig gewarnt und an der richtigen und nicht überschwemmten Stelle abgesetzt. Heute hat eine Frau extra wegen mir gewendet und mich nach Salvaterra de Magos gebracht. Meine Rettung, sonst hätte ich noch mindestens eine halbe Stunde ohne Koffein im Blut an der Straße entlanglaufen müssen. Der Sohn der Fahrerin ist neunzehn, aber wenn der mal aus dem Haus ist, dann will sie auch auf Wanderschaft gehen. Sie würde das auch schon jetzt, aber hier in Portugal achten die Leute ganz genau auf ihre Mitmenschen. Und was wäre sie für eine Mutter, wenn sie das arme Söhnchen jetzt schon allein lässt? So würde geredet werden. Oh, ich verstehe sie nur zu gut. Ich wurde schon als Jugendliche darauf trainiert, nicht darauf zu hören, was die Leute sagen. Wie anders wäre mein Leben sonst verlaufen! Meine Umwege haben mich auch Richtung Valada getrieben, was wieder auf der anderen Seite des Flusses liegt. Kleine Häuser stehen direkt hinter dem Deich. Als der große Regen kam, hatten die Menschen hier Angst, dass der Deich bricht, erzählt mein Gastgeber Nuno. Deshalb hat er auch immer noch das Paddelboot an seinem Haus stehen. Die ganze Gegend war abgeschnitten, allein die Eisenbahn fuhr. Transportiert die sonst nur Güter, wurde kurzerhand umdesponiert auf Personen, damit die Leute wenigstens zur Arbeit kommen. Der Deich hat gehalten und Nunos wunderschönes Pferd konnte ungehindert weitergrasen. Es ist ein Sportpferd und bringt ihm als Neuling bei, wie man mit einem Pferd umgeht. Das ist die beste Art zu reiten.
Wo andere hart arbeiten, dümpelt ich in der Gegend herumMein Zelt hat mich wieder, aber in den Nächten werde ich noch oft wach vor Kälte. Egal. Die Tage sind dafür umso schönerBei Nuno. Entdeckt ihr Harris?Das Haus ist nie leerAufmerksam wird gewachtSelbst im GartenIm GästebuchHier bin ich nicht rübergekommen. Vor BenaventeBenavente
Ich halte Harris in meinen Händen. Es ist, als wenn wir nie getrennt gewesen wären. Tapfer hat er in Golega Stellung gehalten. Mich macht es ein wenig traurig, dass sich keiner auf der Karte von Harris verewigt hat. Aber seine Energie sind für Außenstehende wahrscheinlich schwer zu verstehen. Der Rückflug nach Portugal verlief reibungslos, ebenso die Busfahrt nach Torres Novas. Die letzten Kilometer nach Golega bin ich zu Fuß geeilt. Und da stand mein Freund in der Waschküche, als könne er kein Waschküche trüben. Schwungvoll und in Shorts haben wir uns am nächsten Morgen auf den Weg gemacht zu einem kleinen Abstecher zurück in den Norden. Ich hab ja von dem Mann in Tomar an der Bushaltestelle erzählt. Alingo heißt er und er wollte mir unbedingt noch sein eingestürztes Haus zeigen. In Vila Nova da Barpuinha hat er mich mit seinem Opel abgeholt. Und sein Haus ist wirklich eingestürzt! Seine kleine Bibliothek schwimmt im Wasser und Elektrizität gibt es seit dem Sturm nicht. Der Hühnerstall ist voll Schlamm und Hahn und Henne werden nur für wenige Stunden dort vor dem Fuchs in Sicherheit gebracht. Der Fuchs möchte ja auch essen. Vier Hunde gehen ein und aus und wollen gestreichelt werden. Zum Abendbrot gibt es Brot und Tomate. Alingo studiert Psychologie in Coimbra und hat nicht viel Geld. Die Universität kostet Geld und wenn er studiert, kann er nicht arbeiten gehen. Aber er ist zuversichtlich, dass es irgendwann besser wird und er sein bescheidenes Leben mit einer Tätigkeit finanzieren kann, die ihm auch Spaß macht. Ich finde das sehr mutig, immerhin ist er wesentlich älter als ich. Sein Nachbar hört gar nicht auf, zu reden. Im Moment forscht Alingo per Chat für alle, die neugierig sind, in ihren vergangenen Leben. Genaueres hat er mir leider nicht verraten, wahrscheinlich habe ich ihn auch mit meinem Geplapper über die Zeichen auf Harris, die definitiv aus meinen vielen vergangenen Leben stammen, verwirrt. Ich sage es ja, es ist nicht einfach mit mir und schon gar nicht, wenn ich mit Harris auftauchen. So muss ich mich allein auf Forschungsreise begeben und genau das wird geschehen.
Ohne Harris in Deutschland. Da helfen nur warme Getränke Vor einem paar Wochen war der Weg noch unpassierbarDas Wasser geht zurückDer Frühling kommtKirschblüteStörcheUnd ganz viel GänseblümchenEin lost place in Quinta da CardigaDas bleibt zurück. Wie mag es gewesen sein? Natürlich ElefantenRiesige verlassene Gebäude
Es hat sich nicht einer auf meine Anzeige gemeldet. Niemand nimmt mich ernst. Jetzt bin ich für gut eine Woche in Deutschland und keiner hat die Gelegenheit genutzt, um Zeit mit Harris zu verbringen. Glaubt bloß nicht, dass ich dieses wundervolle Angebot noch einmal mache. Harris wartet allein in einer Wäschekammer auf mich. In Tomar haben wir noch zusammen den Sturm abgewartet und dabei Eveline aus den Niederlanden kennengelernt. Weil sie daheim wegen dem Wetter weder Strom noch Wasser hat, ist sie für ein paar Tage in das Hostel geflüchtet. Sie hat eine ähnliche Geschichte hinter sich wie ich, eine Mutter auf der Suche. Mal arbeitet sie als Friseurin, dann als Lehrerin oder Naturcoach. Sie möchte andere Menschen mit ihren besonderen Fähigkeiten glücklich machen und vergisst dabei gerne sich selbst. Zusammen sind wir abends durch Tomar gezogen. Dann ging es für mich weiter. Und wie immer habe ich mir viel zu viel Sorgen gemacht. Es wären zwanzig Kilometer bis zur nächsten Herberge gewesen und das unter Regenschauern. Bereits nach den ersten fünf Kilometern schüttete es aus Eimern und prompt hielt ein Auto. Der Fahrer hat mich nicht nur zu Tee und Keks bei sich zuhause eingeladen, er hat es sich auch nicht ausreden lassen, mich nach Vila Nova da Barpuinha zu fahren. Die paar Kilometer nach Golega am nächsten Tag waren ein Kinderspiel und genau dort habe ich Harris in der Herberge von Elsa zurückgelassen. Mein Flieger startete in Lissabon. Ab ins Schneechaos nach Deutschland, mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Wenigstens bin ich meine Nüsse und die Schokolade aus den Tiefen meines Rucksackes losgeworden. Der Flaschensammler Adrian hat sich über die zusätzliche Energie gefreut. Die braucht man auch auf den kalten Straßen in Deutschland. Seit dieser Begegnung grüble ich darüber, wie ich meine Mitmenschen um ein wenig Kleingeld bitten würde. Adrian hat mich um Rat gefragt, aber ich glaube, ich würde mich ziemlich unbeholfen anstellen. Es kommt wohl immer darauf an, wen man anspricht. Er hat mir auch geraten, mich lieber unter den Radius einer der Überwachungskameras auf dem Bahnhof zu setzen, falls ich einschlafen sollte. Tief in der Nacht bin ich bei meiner Freundin angekommen und scharre schon wieder mit den Hufen. Portugal und Harris rufen.
Harris wartetUnd wartetDas Museum für moderne Kunst in LissabonStraßenfeger. Ich fühlte mich immer von ihnen angezogen. Wo habe ich in anderen Leben gefegt? Strich um Strich und schon ist es Kunst.Nomaden haben ihren Haus immer dabei und wenn sie sich auf den Kopf stellenFliegende Pferde LissabonSchreiben im CaféDas kommt dabei heraus. Mein Reisebild
Ich sitze mit meiner Zimmernachbarin Eveline im Café. Wir trödeln und beobachten die Leute um uns herum. Die unterschiedlichsten Sprachen vermischen sich hier, Portugisisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Der Kellner kommt aus der Schweiz und jongliert mit den Sprachen wie Eveline. Die Tage fliegen dahin. Meine Sehnsucht danach anzukommen wird immer stärker. Aber es wird dauern. Ich muss Geduld haben. Ich weiß. Die Geborgenheit, die ich suche, finde ich nicht in den vier Wänden. Sie ist in meinem Herze. Ich fühle es schon. Ich fühle, wie die Dimensionen sich verschränkt, Grenzen aufgelöst werden und wie alles um mich herum vor Leben pulsiert. Ich fühle die Wesen. Noch kann ich es nicht sichtbar machen, beweisen. Ich fange an, in einer mir unbekannten Sprache zu singen und kann es nicht begreifen. Aber eines Tages…. Und dann setze ich meine Kinder und alle, die mir am Herzen liegen, einfach in einen Bus und nehme sie mit in meine Welt. Auch die anderen. Ich lasse niemanden zurück, egal was passiert ist. Für meine Reise braucht man keine Genehmigung oder ein Ticket.
Das Paket hat die Reise nach Portugal geschafft. Eine klitschenasse Botin hat abends an meiner Scheibe geklopft. Meine alten Sandalen dürfen in den wohlverdienten Ruhestand. Die Neuen wurden im wahrsten Sinne des Wortes in das kalte Wasser geschmissen. Die Wege sind nach den heftigen Regengüssen gespickt mit riesigen Pfützen. Ich frage mich zum wiederholten Male, wie die Pilgerer mit den festen Schuhen das machen. Sie bekommen doch nasse Schuhe und Socken! Bei mir rinnt das Wasser durch, nach ein paar Metern unter Quitschen und Quatschen ist alles wieder gut. Harris und ich konnten drei Wandertage genießen. In Vila Verde durfte ich in die Gartensauna und Andrus Kürbissuppe kosten. Andrus hat einen riesigen Roter Pfefferbaum im Garten stehen und schimpft, dass das Wetter dieses Jahr so schlecht ist, dass die Körner noch nicht reif sind. In der Unterkunft in Calvinos habe ich im Gästebuch gestöbert. In Tomar hat mich der Sturm überrascht. Bereits die Suche nach der Unterkunft dort war eine Herausforderung. Der Hostelier nimmt seinen Hotelnamen sehr ernst : „Templar Secrets House“. Das Hostel ist vortrefflich in einem Hochhauskomplex versteckt. Ich war glücklich, als noch ein Pärchen anreiste und mitsuchte. Der Zahlencode öffnete uns zunächst die Abstellkammer, definitiv zu klein für drei Personen, und dann die Garage mit dem Zugang zum Treppenhaus. In der Nacht hatte ich den Wind zu Gast in meinem Zimmer. “ Qui arriba en la nit fosca, i truca a la meva porta? Ès una anima en pena o una rata mig morta? Wer kommt in der dunklen Nacht und klopft an meine Tür? Ist es eine trauernde Seele oder eine halbtote Ratte?“, um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen. Um drei Uhr morgens fiel der Strom aus. So eilig habe ich noch nie eine Herberge verlassen. Die Straßen waren voll mit Menschen auf der Suche nach Energie, der Strum hat das gesamte System lahm gelegt. Auf dem Weg in die Stadt hat mich eine alte Dame mit Portugisisch überflutet. Ich habe nur immer “ Si, si“ gesagt. Wird schon stimmen, habe immerhin verstanden, dass ihr Fernsehen nicht geht.Wir haben über die Äpfel in den großen Schuhen an meinem Rucksack gelacht und weiter ging es. Am Busbahnhof gab es keine Auskunft am Schalter. Wie auch, ohne Strom und Telefon? Neben mir auf der Bank saß ein Mann mit einem wunderschön klingenden portugisischem Namen. Er hat im Sturm Haus und Auto verloren, kicherte aber über eine Frau mit Regenschirm, die zornig auf dem Busbahnhof den nicht kommenden Bus beschimpft. Wir sind ins Gespräch gekommen haben uns mit Wangenküsschen verabschiedet. Ich hoffe, er bewahrt sich seine Lebensfreude. Welche Überraschung: Der Bus nach Fatima ist gekommen. Ich war schon kurz davor, einfach los zu stampfen in die Wildnis. Keine gute Idee bei den Wetterbedingungen. Auf der Fahrt habe ich Harris ganz doll festgehalten. In Deutschland hätte kein Auto fahren dürfen, aber in Portugal hat uns der Fahrer munter Erdrutschen und umgekippt Bäumen vorbeimanöviert. Es ging unter hängenden Leitungen hindurch und über überschwemmt und verkieste Straßen. Respekt! Angekommen in Fatima das nächste Problem: Wie ohne Navi die Unterkunft finden? Ich war bereit, ein Taxi zu nehmen. Nachdem mir drei vor der Nase weggeschnappt worden sind, hatte jemand Mitleid mit mir. Sie wartete dort mit ihrer Freundin auf ihre Tochter. Was für ein Zufall: Sie kennt die Unterkunft, wo ich gebucht habe. Es ist verrückt, wie immer genau dann liebe Menschen auftauchen, wenn man sie braucht. War ich froh, als ich im Warmen und Trockenem war. Das Unwetter tobte weiter. Voller Dankbarkeit habe ich die heilige Fatima besucht, war sogar zur Beichte. Der Pfarrer durfte sich meine Geschichte anhören, den Grund, warum ich herumirre. Er riet mir, mir wieder eine Heimat zu suchen. Aber das kann ich nicht, noch nicht. Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Ich bekomme das Unaussprechliche immer noch nicht zu fassen. Da hilft nur Beten und Geduld. Ja! Einen Gottesdienst habe ich besucht. Die Worte klangen so schön. Verstanden habe ich nichts, aber ich mag es, zwischen den Gläubigen zu sitzen und ihren Frieden zu spüren, mich zu fragen, welche Geschichten sie mit sich herumtragen. Die Oblate des Abendmahles hat mir der Pfarrer feierlich in die Hände gelegt, nur um mich gleich darauf misstrauisch darüber zu belehren, dass ich die gleich und ganz in den Mund zu legen habe. Ja, ich respektiere den katholischen Glauben, würde niemals in irgendeiner Zeremonie etwas tun, was dem widerspricht. Obwohl ich glaube, vor hunderten von Jahren, als die Templer blutig in Tomar gekämpft haben, hätte man mich für meine Gefühle und Gedanken auf den Scheiterhaufen gezehrt. Allein Harris! Vielleicht haben sie das sogar getan, in einem anderen Leben. Dabei bin auch ich nur auf der Suche nach dem heiligen Gral, auf meine ganz spezielle Weise. Ein moderner Don Quichotte. Schaut, was ich gefunden habe: Für andere mag es etwas sein, was einmal an der edlen Handtasche einer feinen Dame hing, für mich ist es ein Zeichen dafür, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Wie ein Geist wandelt ein koreanischer Pfarrer über den Jakobsweg. Wie gerne wäre ich ihm begegnet. Die Übersetzung ist immer anders, aber ich erahnen die Bedeutung seiner schönen WorteEin WandererEin SuchenderSchwerer AbschiedTomarTemplerUnd BurgenDer Wind Auch in Fatima hat er getobtZelten unmöglichIn den heiligen HallenSoviel Liebe in einem SouvenirshopIch kann es fühlenEin Herz kann soviel aushaltenUnd manchmal ist man nur müde, auch ein Jesus.Mein Fundstück!