Auf matschigen Irrwegen

Das könnten Harris und ich sein. Beide total verpeilt – wie Don Ouichotte und seine Rosinante. Die Statur steht in Oloron-Sainte- Marie.

Es ist schon wieder so unglaublich viel passiert, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Gezählt habe ich nicht, wieviel Gipfel und Hügel Harris und ich erklommen haben. Ich weiß nur, dass ich ohne die Hilfe und den freundlichen Worten von ganz vielen lieben Menschen heute nicht in einer Pilgerunterkunft in Arudy sitzen würde, sondern immer noch irgendwo im Nirgendwo herumlaufen würde. Um genau zu sein, wäre ich auf dem Weg nach Arles und nicht nach Lourdes. Es fing alles damit an, dass ich durch ein großes, herrliches Waldgebiet gelaufen bin und dort keinen Empfang hatte. Das hat mich sofort nervös gemacht. Nicht, weil ich den gut markierten Weg nicht gefunden habe, sondern weil ich mir Gedanken um die Menschen in Deutschland gemacht habe, die sich Sorgen machen würden, wenn sie mich nicht erreichen. Nervös habe ich zwei Wandersleute gefragt, ob ich auf ihrem Handy telefonieren dürfte. Nein! Ich glaube, der eine hat sogar gedacht, ich wolle ihm eine komische Nummer andrehen, zumindest ist er ganz schnell verschwunden. Was denken die Leute nur von mir? Aufgewühlt habe ich an meinem Handy herumgespielt und es ausversehen ausgeschaltet. Und dann die Panik! So schnell hat man mich noch nicht mit Rucksack rennen sehen. Am Ende stand ich bei einer nur französisch sprechenden Frau an der Gartenmauer und habe verzweifelt nach WLAN oder „nach Hause“ telefonieren gefragt. Verstanden hat sie mich kaum, aber schließlich haben wir zusammen eine Unterkunft für die Nacht herausgesucht. Sie hat mich bei der Herbergsmama als “ très jolie“ angepriesen, als ob das ein Bett frei machen würde! Ihre Kinder haben mich schließlich nach Moumour gefahren – zu Gìte de Sylvie. Und Sylvie ist nicht nur eine tolle Frau – sie ist gerade erst von einer Wanderung über zwei Monate nach Rom zurückgekehrt und hatte ganz schwarze Hände, weil sie ihren Garten auf Vordermann bringen wollte – ihr Haus hat auch Internet. Puh. Dank Olli und Otello lief mein Handy abends wieder. Ich habe ungewollt eine Nacht drinnen verbracht und musste Sylvie zum Abschied unbedingt in die Arme nehmen. Wenn ich groß bin, möchte ich werden wie sie – frei wie ein Vogel, aber offen und gastfreundlich zu allen. Nun hatte ich mir vorgenommen, das Handy möglichst wenig um Rat zu befragen. Ein schwerer Fehler! Brav bin ich den kleinen Markierung des Jakobsweges gefolgt. Bis Mauleon-Licharre hat das auch geklappt, aber dann bin ich der Markierung nach Arles gefolgt, statt der nach Lourdes. Quer durch den Wald ging es, hoch und runter. Eine riesige Buche wartete mitten auf einer Lichtung auf mich und Harris. Und wenige Meter später eine mindestens zwanzig Zentimeter große unumgehbare Schlammpfütze. Merde! Bis zum Knöchel ging der Dreck. Kawatsch und Kawatsch bis zur nächsten halbwegs klaren Pfütze. Harris durfte auch baden. Nach etlichen Kilometern habe ich meinen Irrweg bemerkt und bin umgedreht zum richtigen Jakobsweg. Wie weit hätte ich heute schon sein können! Stattdessen sitze ich im „refuge paroissial“ in Arudy bei den freundlichen und lustigen Priestern. Ihre erste Amtshandlung war es, meinen Rucksack zu wiegen. Ich verrate besser nicht, was dabei herausgekommen ist. “ Eine kleine Frau und ein so großer und schwerer Rucksack.“ Harris haben sie auch bestaunt und ich habe ihn extra so in den Garderobenständer gestellt, dass der Jesus auf ihm sichtbar ist. Ich entdecke immer mehr Zeichen auf meinem besten Freund. Das sind seine Botschaften an mich – bestimmt. Ob die Priester den Jesus entdecken? Ich habe mir fest vorgenommen, sie bei der nächsten Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen. Ich bin gespannt und werde euch berichten.

Sylvie, Harris et moi. Wenn ich groß bin, werde ich wie Sylvie. Gastfreundlich und herzlich, aber frei wie ein Vogel
Noch hat mich Wildcamper die Gendarmerie nicht entdeckt. Wie die schwedischen Gardinen wohl in Frankreich aussehen?
Notwäsche!
Seht ihr die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund? Wo ich jetzt bin, reichen noch kurze Hose und Shirt