Tränen in Lourdes

Ich bin nach Lourdes geeilt. Das Wetter soll schlechter werden und der erste Frost kündigt sich an. Bereits bei Temperaturen um die sieben Grad muss ich meine Nasenspitze mit in den Schlafsack einpacken. Lourdes ist ein wahrer Schock für mich Einsiedler. Selbst im November und obwohl viele Läden bereits geschlossen haben, brummt das Geschäft mit den Andenken – von Kreuzen, Kerzen, Statuen bis hin zu Uhren mit schwingenden Pendeln. Und überall Gläubige aus aller Welt. In der Pizzeria saßen neben mir zwei Deutsche, einer davon Theologiestudent. Warum er vor ein paar Jahren plötzlich tief gläubig geworden ist, wollte er mir nicht verraten. Der Engländer Jim mit dem Rauschebart und den glänzenden Augen bestaunt die Harris- Energie. Das ist übrigens ein Ding: Harris durfte weder in die Kathedrale noch mit zur Grotte. Der Sicherheitsdienst wollte sogar meinen Rucksack filzen. In meiner Unterkunft darf man in den Zimmern nichts essen und der Wirt ist deutlich überfordert mit seinen Gästen. Hier gibt es mehr Hausregeln als im Internat. Sogar die Aufforderung, das Klo nach dem großen Geschäft ordentlich zu hinterlassen, fehlt nicht. Ein Grund mehr für mich, um morgen wieder aufzubrechen. Meine Sonnenmilch habe ich in den Tiefen meines Rucksackes auch wiedergefunden. Wenn das keine Aufforderung ist, in den Süden zu reisen.
Ich habe in Lourdes viele Tränen und Gebete fließen lassen. Wieder und wieder wird mir meine Irrfahrt bewusst. Ich habe wirklich keine Ahnung, wohin die Reise geht und ob ich je den Ort finden werde, an dem ich bleiben möchte. Für mich heißt gläubig sein nicht, Verantwortung abzugeben, sondern immer Gegenteil Verantwortung für seine Handlungen und sein Leben zu übernehmen. Das ist nicht immer leicht. Gerade dann nicht, wenn man so viel spürt wie ich und das auch weitergeben möchte. Es ist eine große Ehre für mich, dass mein baguette magic, mein Zauberstab Harris, seinen Weg zu mir gefunden hat. Morgen reise ich mit dem Zug Richtung Madrid, dann nach Santiago de Compostela. Der Jakobsweg durch Portugal wartet auf mich. Frankreich verlasse ich ein wenig wehmütig. Noch nie im Leben habe ich soviel Komplimente bekommen wie hier. Auch den jungen, wehmütigen Spanier, der Nietzsche gelesen hat und mit den Vögel redet, werde ich nie vergessen.






