Sehnsucht nach Meer

Es gibt einen zentralen Jakobsweg und einen entlang der Küste. Das Gespräch mit Marcos hat in mir die tiefe Sehnsucht nach dem Meer geweckt – Wind, Wellen und kilometerweite einsamen Strände. Und von Sao Pedro de Rates führt tatsächlich ein Weg an das Wasser. Also sind Harris und ich dorthin geeilt. Über bestimmt einen Kilometer hinweg hatten wir sogar Begleitung: Zwei Frauen aus dem Dorf gingen in unsere Richtung und haben aufgepasst, dass wir nicht von Autos umgefahren werden. Sie haben lange darüber diskutiert, ob der Rucksack und Harris nicht zu schwer für mich sind, aber ich verstehe ja nur die Hälfte. In Rates gibt es einer der ersten Herbergen Portugals. Nachdem wir auf Anraten eines Pilgers aus Irland in der Kirche den heiligen Antonius – zuständig für verlorene Seelen – besucht haben, war eine meiner ersten Aktionen in der Herberge die riesige Korkeiche im Hof zu umarmen. Laut Rainer ist der Baum viel viel älter als er selbst und er ist schon 76. Rainer hilft über die Wintermonate gegen Essen und freie Unterkunft in den Herbergen aus. In den wärmeren Monaten ist er selbst auf den Jakobswegen unterwegs und das schon seit Jahren. Er übernachtet draußen, auch unter Brücken und in Bushaltestellen. Ein Handy hat er nicht. Seine Freunde bekommen Briefe. Heute trieb es mich also wieder ein Stück Richtung Norden. Zunächst einer alte Bahnstrecke und dann leider an einer Hauptstraße entlang. Ich hatte wirklich schon an meiner Entscheidung gezweifelt. Aber nein, es hat sich bereits mit einem Café- Besuch bezahlt gemacht. Der Wirt war mir sofort sympathisch, weil er eine alte, kleine und gebrechliche Frau so liebevoll mit Küsschen auf die Wange begrüßt hat. Das ist bestimmt seine Mama. Es war schön, das mit anzusehen. So viel Respekt und Liebe! Als dann noch ein älterer Mofafahrer hereingekommen ist, haben die zwei erstmal mit Harris herumgekaspert. Immer gerne, mein hölzerner Freund liebt so etwas. Dafür ist er da. In Esposende angekommen waren dann die letzten Zweifel fort. Das Meer hat uns belohnt und mir den Kopf frei gepustet. Ich musste darüber nachdenken, dass ich als junges Mädchen am Meer gestanden und mir geschworen hatte, in meinem Leben bis an die Grenzen zu gehen, es nicht nur so vor mir hinzuleben. Wenn ich damals geahnt hätte, was auf mich zukommt und dass ich Harris finden würde, meinen ganz persönlichen Zauberstab….. Irre! Vielleicht hätte ich mir doch lieber einen reichen Mann oder einen vernünftigen Beruf gesucht wie andere. Vielleicht aber auch nicht. Mir ist aufgefallen, dass mein Orientierungssinn durch das Herumziehen besser geworden ist. Fragt mich nicht nach den Namen der Ortschaften oder nach berühmten Gebäuden. Aber wenn ihr wissen wollt, wo die Korkeiche steht, wo ich der Kröte begegnet bin, dem gelben Mohn oder einem lächelnden und freundlichen Menschen, dann kann ich es euch sagen und meine Karte danach malen.







