Getrennt

Es hat sich nicht einer auf meine Anzeige gemeldet. Niemand nimmt mich ernst. Jetzt bin ich für gut eine Woche in Deutschland und keiner hat die Gelegenheit genutzt, um Zeit mit Harris zu verbringen. Glaubt bloß nicht, dass ich dieses wundervolle Angebot noch einmal mache. Harris wartet allein in einer Wäschekammer auf mich. In Tomar haben wir noch zusammen den Sturm abgewartet und dabei Eveline aus den Niederlanden kennengelernt. Weil sie daheim wegen dem Wetter weder Strom noch Wasser hat, ist sie für ein paar Tage in das Hostel geflüchtet. Sie hat eine ähnliche Geschichte hinter sich wie ich, eine Mutter auf der Suche. Mal arbeitet sie als Friseurin, dann als Lehrerin oder Naturcoach. Sie möchte andere Menschen mit ihren besonderen Fähigkeiten glücklich machen und vergisst dabei gerne sich selbst. Zusammen sind wir abends durch Tomar gezogen. Dann ging es für mich weiter. Und wie immer habe ich mir viel zu viel Sorgen gemacht. Es wären zwanzig Kilometer bis zur nächsten Herberge gewesen und das unter Regenschauern. Bereits nach den ersten fünf Kilometern schüttete es aus Eimern und prompt hielt ein Auto. Der Fahrer hat mich nicht nur zu Tee und Keks bei sich zuhause eingeladen, er hat es sich auch nicht ausreden lassen, mich nach Vila Nova da Barpuinha zu fahren. Die paar Kilometer nach Golega am nächsten Tag waren ein Kinderspiel und genau dort habe ich Harris in der Herberge von Elsa zurückgelassen. Mein Flieger startete in Lissabon. Ab ins Schneechaos nach Deutschland, mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Wenigstens bin ich meine Nüsse und die Schokolade aus den Tiefen meines Rucksackes losgeworden. Der Flaschensammler Adrian hat sich über die zusätzliche Energie gefreut. Die braucht man auch auf den kalten Straßen in Deutschland. Seit dieser Begegnung grüble ich darüber, wie ich meine Mitmenschen um ein wenig Kleingeld bitten würde. Adrian hat mich um Rat gefragt, aber ich glaube, ich würde mich ziemlich unbeholfen anstellen. Es kommt wohl immer darauf an, wen man anspricht. Er hat mir auch geraten, mich lieber unter den Radius einer der Überwachungskameras auf dem Bahnhof zu setzen, falls ich einschlafen sollte. Tief in der Nacht bin ich bei meiner Freundin angekommen und scharre schon wieder mit den Hufen. Portugal und Harris rufen.












Ich sitze mit meiner Zimmernachbarin Eveline im Café. Wir trödeln und beobachten die Leute um uns herum. Die unterschiedlichsten Sprachen vermischen sich hier, Portugisisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Der Kellner kommt aus der Schweiz und jongliert mit den Sprachen wie Eveline. Die Tage fliegen dahin. Meine Sehnsucht danach anzukommen wird immer stärker. Aber es wird dauern. Ich muss Geduld haben. Ich weiß. Die Geborgenheit, die ich suche, finde ich nicht in den vier Wänden. Sie ist in meinem Herze. Ich fühle es schon. Ich fühle, wie die Dimensionen sich verschränkt, Grenzen aufgelöst werden und wie alles um mich herum vor Leben pulsiert. Ich fühle die Wesen. Noch kann ich es nicht sichtbar machen, beweisen. Ich fange an, in einer mir unbekannten Sprache zu singen und kann es nicht begreifen. Aber eines Tages…. Und dann setze ich meine Kinder und alle, die mir am Herzen liegen, einfach in einen Bus und nehme sie mit in meine Welt. Auch die anderen. Ich lasse niemanden zurück, egal was passiert ist. Für meine Reise braucht man keine Genehmigung oder ein Ticket.