Überbreite

Je länger ich unterwegs bin, und es sind erst zwei Wochen, umso mehr verliere ich das Gefühl dafür, wo ich hingehöre. Heute sitze ich in Namur in Belgien. Harris verstärkt das noch. Er macht mich zum totalen Außenseiter. Als Reisende steht man abseits vom Alltag. Als Pilgerin nehme ich ganz viele Träume und Sehnsüchte der Menschen, denen ich begegne, mit auf den Weg. Dabei bin ich nur ein junges Kücken. Der zweiundneunzigjährige Luca ist viermal nach Santiago de Compostela gepilgert, immer allein. Und er war in Jerusalem. Er klagt, dass er schon viel zu lange auf der Welt ist und alles vergisst, sein Englisch und Spanisch. Ich finde, er spricht hervorragend Englisch und sieht höchstens aus wie siebzig. Was mag er alles erlebt haben? Sein Küchentisch ist voller Zetteln mit Notizen. Mir serviert er Kaffee und Wasser, bevor wir uns mit einem festen Händedruck verabschieden. Auf meiner Reise lerne ich, über die kleinen Dinge des Lebens dankbar zu sein : Energie für mein Handy, Wasser, etwas zu Essen und ein Schlafplatz, einen Fluss zum Baden. Ein paar Mal hatte ich Schwierigkeiten, in Bäckereien oder an Tankstellen Wasser für meine Flaschen zu bekommen. Solche Kleinigkeiten kosten doch fast gar nichts. Sie können einem Wanderer, Reisenden oder Obdachlosen aber den ganzen Tag verändern. Harris und ich verwachsen immer mehr. Er ist meine Stimmgabel in den Himmel. Nur manchmal ist er mir lästig. Ich bräuchte eine Fahne für Überlänge an seinem Ende. Ein Fahrer eines verdammte großen Autos ist extra angehalten, um mit uns zu schimpfen: Wir würden zuviel Platz wegnehmen. Was macht der, wenn ihm ein anderes Auto entgegenkommt ?Harris bräuchte ein Gefährt mit Überbreite. Er möchte auch mit den Füssen aus dem Fenster gucken können.




