Im Auge des Sturmes

Das Paket hat die Reise nach Portugal geschafft. Eine klitschenasse Botin hat abends an meiner Scheibe geklopft. Meine alten Sandalen dürfen in den wohlverdienten Ruhestand. Die Neuen wurden im wahrsten Sinne des Wortes in das kalte Wasser geschmissen. Die Wege sind nach den heftigen Regengüssen gespickt mit riesigen Pfützen. Ich frage mich zum wiederholten Male, wie die Pilgerer mit den festen Schuhen das machen. Sie bekommen doch nasse Schuhe und Socken! Bei mir rinnt das Wasser durch, nach ein paar Metern unter Quitschen und Quatschen ist alles wieder gut. Harris und ich konnten drei Wandertage genießen. In Vila Verde durfte ich in die Gartensauna und Andrus Kürbissuppe kosten. Andrus hat einen riesigen Roter Pfefferbaum im Garten stehen und schimpft, dass das Wetter dieses Jahr so schlecht ist, dass die Körner noch nicht reif sind. In der Unterkunft in Calvinos habe ich im Gästebuch gestöbert. In Tomar hat mich der Sturm überrascht. Bereits die Suche nach der Unterkunft dort war eine Herausforderung. Der Hostelier nimmt seinen Hotelnamen sehr ernst : „Templar Secrets House“. Das Hostel ist vortrefflich in einem Hochhauskomplex versteckt. Ich war glücklich, als noch ein Pärchen anreiste und mitsuchte. Der Zahlencode öffnete uns zunächst die Abstellkammer, definitiv zu klein für drei Personen, und dann die Garage mit dem Zugang zum Treppenhaus. In der Nacht hatte ich den Wind zu Gast in meinem Zimmer. “ Qui arriba en la nit fosca, i truca a la meva porta? Ès una anima en pena o una rata mig morta? Wer kommt in der dunklen Nacht und klopft an meine Tür? Ist es eine trauernde Seele oder eine halbtote Ratte?“, um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen. Um drei Uhr morgens fiel der Strom aus. So eilig habe ich noch nie eine Herberge verlassen. Die Straßen waren voll mit Menschen auf der Suche nach Energie, der Strum hat das gesamte System lahm gelegt. Auf dem Weg in die Stadt hat mich eine alte Dame mit Portugisisch überflutet. Ich habe nur immer “ Si, si“ gesagt. Wird schon stimmen, habe immerhin verstanden, dass ihr Fernsehen nicht geht.Wir haben über die Äpfel in den großen Schuhen an meinem Rucksack gelacht und weiter ging es. Am Busbahnhof gab es keine Auskunft am Schalter. Wie auch, ohne Strom und Telefon? Neben mir auf der Bank saß ein Mann mit einem wunderschön klingenden portugisischem Namen. Er hat im Sturm Haus und Auto verloren, kicherte aber über eine Frau mit Regenschirm, die zornig auf dem Busbahnhof den nicht kommenden Bus beschimpft. Wir sind ins Gespräch gekommen haben uns mit Wangenküsschen verabschiedet. Ich hoffe, er bewahrt sich seine Lebensfreude. Welche Überraschung: Der Bus nach Fatima ist gekommen. Ich war schon kurz davor, einfach los zu stampfen in die Wildnis. Keine gute Idee bei den Wetterbedingungen. Auf der Fahrt habe ich Harris ganz doll festgehalten. In Deutschland hätte kein Auto fahren dürfen, aber in Portugal hat uns der Fahrer munter Erdrutschen und umgekippt Bäumen vorbeimanöviert. Es ging unter hängenden Leitungen hindurch und über überschwemmt und verkieste Straßen. Respekt! Angekommen in Fatima das nächste Problem: Wie ohne Navi die Unterkunft finden? Ich war bereit, ein Taxi zu nehmen. Nachdem mir drei vor der Nase weggeschnappt worden sind, hatte jemand Mitleid mit mir. Sie wartete dort mit ihrer Freundin auf ihre Tochter. Was für ein Zufall: Sie kennt die Unterkunft, wo ich gebucht habe. Es ist verrückt, wie immer genau dann liebe Menschen auftauchen, wenn man sie braucht. War ich froh, als ich im Warmen und Trockenem war. Das Unwetter tobte weiter. Voller Dankbarkeit habe ich die heilige Fatima besucht, war sogar zur Beichte. Der Pfarrer durfte sich meine Geschichte anhören, den Grund, warum ich herumirre. Er riet mir, mir wieder eine Heimat zu suchen. Aber das kann ich nicht, noch nicht. Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Ich bekomme das Unaussprechliche immer noch nicht zu fassen. Da hilft nur Beten und Geduld. Ja! Einen Gottesdienst habe ich besucht. Die Worte klangen so schön. Verstanden habe ich nichts, aber ich mag es, zwischen den Gläubigen zu sitzen und ihren Frieden zu spüren, mich zu fragen, welche Geschichten sie mit sich herumtragen. Die Oblate des Abendmahles hat mir der Pfarrer feierlich in die Hände gelegt, nur um mich gleich darauf misstrauisch darüber zu belehren, dass ich die gleich und ganz in den Mund zu legen habe. Ja, ich respektiere den katholischen Glauben, würde niemals in irgendeiner Zeremonie etwas tun, was dem widerspricht. Obwohl ich glaube, vor hunderten von Jahren, als die Templer blutig in Tomar gekämpft haben, hätte man mich für meine Gefühle und Gedanken auf den Scheiterhaufen gezehrt. Allein Harris! Vielleicht haben sie das sogar getan, in einem anderen Leben. Dabei bin auch ich nur auf der Suche nach dem heiligen Gral, auf meine ganz spezielle Weise. Ein moderner Don Quichotte. Schaut, was ich gefunden habe: Für andere mag es etwas sein, was einmal an der edlen Handtasche einer feinen Dame hing, für mich ist es ein Zeichen dafür, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Schwerer Abschied

Mein Fundstück!