Nur ein Paar Schuhe

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich sie zuerst in den Händen gehalten. Ahnungslos habe ich den Karton geöffnet, das Papier zurückgeschlagen und sie anprobiert: Meine Sandalen. Sie sind mädchenhaft rosa. Vor dreißig Jahren hätte ich diese Farbe vermieden, blaue und schwarze Töne gewählt. Als junges Mädchen konnte ich mich noch nicht als die akzeptieren, die ich bin, habe mich möglichst unauffällig gekleidet und verhalten. Wenn mir damals jemand erzählt hätte, dass ich heute mit einem großen Wanderstock durch die Welt renne und es mich überhaupt nicht interessiert, was die Leute über mich denken, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Jetzt tragen mich meine Sandalen über die Erde, strahlen in ihren leuchtenden Farben eine Leichtigkeit aus, sprechen von einem Tänzeln und einer Fröhlichkeit. Meine Füße fühlen sich in ihnen wohl, bekommen frische Luft, Sonne und Regen und hin und wieder Sandkörnchen, Steine und Stöcker zu spüren. Wir waren zusammen Tanzen in Porto, haben Berggipfel erklommen, sind durch Flüsse und Pfützen getappert, über spitze Steine, Kopfsteinpflaster, durch Gestrüpp gestolpert. Der rechte Schuh ist längst hinten an der Innenseite kaputt, die Sohlen sind dünn geworden und haben mehr und mehr die Form meiner Füße angenommen. Ich hätte sie längst austauschen müssen. Ich habe es sogar versucht, aber die bestellten Schuhe waren zu klein. Und im Winter irgendwo Sandalen in Schuhgeschäft zu kaufen, das ist fast unmöglich. So bleiben sie mir treu, über hunderte von Kilometern hinweg. Die Füße sind an vielen Stellen wundgescheuert und müde, wie die Sandalen. Aber wir laufen weiter. Es sind “ nur“ Schuhe, aber diese Gegenstände haben ihren eigenen Charakter angenommen, sind vom bloßen Produkt irgendwo aus einer Fabrik zu eigenständigen Wesen geworden, von denen ich mich nur schwer trennen kann. Von Agueda aus haben sie mich schon wieder nach Coimbra getragen. Wir haben zweimal im Zelt übernachtet. Es war etwas kühl, aber man kann nicht alles haben. In den Herbergen erwartet mich zwar immer ein warmes und weiches Bett, aber die Einsamkeit ist dort eine andere. Es ist lustig zu beobachten, wie jede Person im Schlafsaal versucht, seine Häuslichkeit zu wahren. Da wird die Fernbedienung der Klimaanlage zu einem heiß begehrten Gegenstand. Der eine schaltet sie auf volle Pulle, um seine Wäsche zu trocknen, der andere macht sie aus, sobald er den Raum betritt. Eine ganze Nacht hat einer dieser Menschen die Macht an sich gerissen und die Fernbedienung versteckt. Manche meiner Zimmergenossen ignorieren standhaft jeden einzelnen Mitbewohner, andere sind genauso neugierig wie ich und tauschen Geschichten aus. Von der Herberge in Coimbra aus habe ich freien Blick auf das Gefängnis. Es ist ein stattliches Gebäude und hat mich gestern angezogen. Besichtigung unmöglich. Es thront mitten in der Stadt wie eine Ermahnung. Wie viele Menschen mögen dort schon ihr Dasein abgesessen und für ihre Sünden gebüsst haben. Ich büße auf meine Weise, weiß immer noch nicht, wohin mein Weg mich führt. Das ist aufregend, aber auch anstrengend. Alle gehen ihrem Alltag nach, wissen, wohin sie gehören, nur ich nicht. Selbst die Straßenhunde haben hier ein Ziel. Oft kommt mir ein Hund entgegen auf den einsamen Straßen und wie ich halt so bin, fange ich an, mit ihm zu quatschen. Aber die meisten laufen einfach weiter, als würde sie hinter der nächsten Straßenecke jemand erwarten, hätte sie jemand gerufen. Wäre ich nur wie sie und könnte besser auf meinen inneren Ruf hören! Wer weiß, wie lange man sich herumtreiben muss, um diese Fähigkeit zu beherrschen wie ein Straßenhund. Ich übe weiter.










