Rübenpower. Wenn der Landwirt wüsste, was für wundervolle Kräfte da auf seinem Feld wirken
Ich wiege Harris wieder in meinen Armen. Höchstpersönlich habe ich ihn aus der Paketstation abgeholt und war für einen kurzen Augenblick entsetzt: Seine dritte Zacke ist abgebrochen. Dann wurde ich ruhiger. Habe ich nicht selbst herumgeschäckert, dass ich nie erfahren werde, wann ich mit Harris vollständig verbunden bin, weil seine dritte Zacke nicht abfallen kann, dann wäre er kaputt? Als seine beiden anderen Zacken sich damals verabschiedet haben, hat meine Freundin mir erzählt, dass Merlin diese Energie in mein Solarplexus hat fließen lassen. Jetzt ist das Wunder geschehen, die Harrisenergie fließt vollständig in mir und mein Zauberstab ist nicht zerstört. Perfekt fügen die Teile sich ineinander und ich verbinde sie mit dem Liebesknoten aus Fatima. Im Urlaub mit Olli und seinem roten VW- Bus treibt der Schelm seinen Schabernack. Die Rübe hat uns während der Fahrt durch Belgien, Frankreich und Deutschland begleitet. Und ich habe ganz viele Sachen gefunden.
Der Rübenkobold in Persona. Seht ihr auch seinen Geist, seine Energie? Zerbrochen! Und die Energie fließt ungebrochenAuf ForschungsreiseKleine magischemysteriöseund große Fundstücke
Wenn ich da geahnt hätte, wie schnell wir uns wieder trennen müssen…..
Was wäre meine Reise langweilig, wenn ich keinen riesen Wanderstock bei mir hätte. Ich wäre nur täglich auf Wasser, Kaffee- und Zeltplatzsuche, könnte aber alle Verkehrsmittel ganz spontan nutzen, gerade wie es mir in den Kopf kommt. Aber Harris ist bei mir und wir sind unzertrennlich. Nie würde ich ohne ihn laufen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, von Ort zu Ort zu laufen und unsere Energien zu verbreiten. Die Busfahrt von Santiago do Cacem nach Lissabon war unproblematisch. Mit der Bahn nach Entrocamento und von dort nach Badajoz. Und da fingen die Probleme an, mitten in Spanien. Was ich in Spanien wollte? In Portugal fängt jetzt der Sommer an. Temperaturen über dreißig Grad sind eine zu hohe Belastung, um mit meinem Gepäck täglich seine Kilometer zu laufen. Also wäre Frankreich eine Alternative gewesen. Wege gibt es überall. Aber es läuft in Spanien auf den Bahnhöfen anders ab als bei uns. Es warten alle hinter einer Absperrung, bis das Sicherheitspersonal zu den Gleisen und Zügen durchlässt und die Fahrkarten kontrolliert hat. Gleich beim Eintreffen in Badajoz sagte mir eine streng dreinblickende Frau, dass ich mit dem Stock wohl nicht in den nächsten Zug könnte. Es folgten bange Stunden. Sollte ich hier festhängen, im Nirgendwo? Und in der glimmenden Sonne Spaniens? Gott sei Dank haben mich die Kontrolleure dann durchgewunken, aber nur unter Diskussion miteinander. Auf dem Bahnsteig fragte mich dann eine freundliche Schaffnerin, ob es mir gut ginge und ob Harris so etwas wie mein Heiligtum sei. Ja! Sie hat mich extra zu einem Platz im Zug begleitet, wo Harris und ich niemanden schädigen können. Als ob wir das tun würden. Nun waren wir in Madrid. Ich hatte vor, dort einen Tage zu bleiben und dann nach Lyon zu reisen. Alles war vorbereitet, Sachen gepackt und gebucht. In Madrid war ich in Kunstmuseen und im botanischen Garten. Vorsichtshalber hatte ich am Bahnhof schon nachgefragt, ob ich mit Stock reisen dürfte und dort ein unklares Jein bekommen. Das sei zwar verboten, aber es könnte sein, dass ich durchgewunken werde, wenn die Züge nicht voll sind. Vorsichtshalber wollte ich es bei einem anderen Anbieter früher versuchen und stiefelte voll bepackt zum Bahnhof. Mein Rucksack wurde durchleuchtet, das Taschenmesser hatte ich im Bauchgürtel und wäre wahrscheinlich durchgegangen, da tauchte plötzlich ein muskulöser Mann in Uniform hinter mir auf und deutete auf Harris. „Der kommt nicht mit.“ Ich erklärte, dass das nur ein Stock sei und der machte Gesten, dass man mit diesem Stock durchaus Leute verprügeln könnte. Toll. Das geht auch mit einem Koffer oder einer Wasserflasche! Wie es auch sei, wir mussten umdrehen und ich sollte es ja nicht wieder versuchen! Also zum Busbahnhof. Und da passierte genau das gleiche. Die Frau am Schalter sagte mir, dass es mit Harris nicht ginge. Sollte ich also in Madrid festhängen? Als letzte Möglichkeit fiel mir ein, Harris als Paket zu versenden und das natürlich nicht nach Frankreich, sondern nach Deutschland zu Olli. Wir also in den nächsten Baumarkt. Nachdem die verstanden hatten, was ich wollte, half mir ein sehr netter Mitarbeiter, der sich freute, sein Englisch anwenden zu können, dabei Harris einzutüten. Der nächste Paketshop war unser. “ Das Paket entspricht nicht den Standartgrößen, das geht nicht“, hieß es da. Ihr könnt euch meine Verzweiflung vorstellen. Zurück ins Hotel. Die Frau an der Rezeption hat lange für mich herumtelefoniert und ich durfte meinen Rucksack dort lassen. Aber in dem von ihr herausgesuchten Paketdienst war genau das gleiche Problem. Übergröße! Wenigstens lenkte sie mich zur richtigen Stelle. Im Tamarillo Versanddienst nahm man sich meiner an und per DHLfreight ist Harris jetzt endlich auf dem Weg nach Deutschland. Bangen tue ich immer noch. Es hätte sein können, dass er nicht durch den Zoll kommt. Ungeziefer im Holz und ähnliches. Aber die Hürde ist geschafft, im Moment ist er irgendwo im Laster auf einer Autobahn und soll Dienstag ankommen. Was für ein Drama! Wenn er hier ist, haben wir viel zu arbeiten. Ich schmiede wilde Pläne, stecke voller Ideen und möchte Harris auch in Deutschland schwingen. Meine Reise geht weiter, das Abenteuer fängt gerade erst an. Kaum bin ich bei Olli, verlaufe ich mich fast in seiner Garage: Ich wollte nachts auf die Toilette, bin aufgestanden und war plötzlich in einem ganz anderen Raum – weiter und heller, wie ein Palast. Nur durch Konzentration gelang es mir, wieder in Ollis Räumen zu stehen. Da sieht man wieder, unsere Möglichkeiten zu reisen, sind grenzenlos.
Im BaumarktMit diesem Kätzchen habe ich lange gequatscht. Wie gerne hätte ich das kranke Ding einfach mitgenommen.Eindrücke aus LissabonIm OzenariumIm botanischen Garten MadridIm Museo Reina SofiaDieses Kunstwerk ist irgendwann einfach verschwunden und dann wieder aufgetaucht. Hexerei? Kreative Spinnerei oder Wirklichkeit? Solche Fragen begleiten mich auf meiner gesamten Reise!Lest selbst!Eh ich es vergesse: Diesen Tip habe ich von einem Nepalesen in Lissabon bekommen. Ich sehe so friedvoll aus, dass ich unbedingt Moiji besuchen muss. Er wohnt irgendwo in den Bergen Portugals. Vielleicht. Warum nicht?
Egal, was ich mache, egal über was ich nachdenken: Ich bin nie allein. Hier hat sich eine Taube zu mir und Harris gesellt.
„Über was denkst du nach? Du sitzt da und schaust umher, schreibst zwischendurch etwas auf. Deine Augen sind überall.“ Darauf wurde ich in einem Cafè hier in Santiago do Cacem angesprochen. Ich wurde kalten Fußes beim Trödeln, auf Englisch „dawdle“ und „enrolar“ in Portugal erwischt. Nun, das ist nun einmal die beste Art, um zu reisen. Ich bin nicht mehr auf der Flucht, ich renne nicht mehr vor mir selbst weg, ich stelle mich meinen Gedanken und Gefühlen. Und wenn an einem Tag das Glück durch meine Adern rauscht und mir an einem anderen die Tränen aus den Augen kullern vor Weltschmerz, Hilflosigkeit und Einsamkeit, dann ist das so. Meine Reise ist ein Akt der Buße und einer der Selbstfindung. In mir brodelt so viel. Eines Tages werde ich zurückkehren und nicht mehr schweigen. Ja – ich habe gesündigt, aber wer hat das nicht? Ich bereue nicht, dass ich meiner Liebe gefolgt bin und meiner Leidenschaft, ich bereue nur, dass ich nicht richtig reagiert habe. Ich lerne mehr und mehr, auf mein eigenes Herz zu hören. Es ist gut möglich, dass sich einige Menschen deshalb abwenden, aber ich bin überzeugt davon, dass viele genau das schätzen werden. Ich bin so dankbar über die Menschen, die mich begleiten und sei es nur in Gedanken. Aber was ist mit denen, die mich verurteilen? Ich vermisse meine Kinder und weiß, dass das, was jetzt passiert, längst nicht mehr richtig ist. Für niemanden. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich ganz viel bewegen kann, je freier ich werde, je mehr ich bei mir selbst ankomme und meinen verrückten Wanderstock stolz schwinge als Akt des Widerstandes gegen all die Begrenzungen, die uns auferlegt werden, durch gegenseitige Intoleranz, festgefahrene Gewohnheiten und das, was andere das System nennen, uns aber nur weiter und weiter von unserem eigentlichen Sein fortführt. Ich sehe Menschen und fühle mit ihnen und eines Tages werde ich nicht mehr schweigen. Meine Welt mag euch allen unwirklich erscheinen, aber sie ist absolut frei und genial. Harris führt mich tiefer und tiefer hinein und an manchen Tagen kann ich nur mit offenem Mund dasitzen und staunen. Gerne führe ich auch euch hindurch – irgendwann. So weit bin ich schon wieder gelaufen. Am Wegesrand und auf den Wiesen blühen gelbe, blaue und rote Blumen. Der Kuckuck ruft. Störche sitzen auf ihren Nestern und kreisen hoch in den Lüften auf der Suche nach Nahrung. Es ist die Zeit der Störche und des Neuanfangs. Mein Weg ging über Grandola nach Santiago de Cacem. Nachts im Zelt ist es jetzt angenehm warm. Ich wurde von Wildscheinen besucht und dachte in der Dunkelheit, dort hätte ein Bär gegrunzt. Auf dem Marktplatz in Grandola hat eine Taube sich abgelegt und den Zebrastreifen und mich beobachtet. Ein lustiges Ding. Bestimmt studiert sie das Verhalten der Menschen. Bei einem Hund an einer kurzen Kette musste ich an einen Hund in Deutschland denken. Die Besitzerin hat ihn an der extrem kurzen Leine geführt und er durfte gar nichts, nicht einmal schnuppern, am liebsten keinen Laut von sich geben. So ein verängstigt Tier! Das passiert, wenn Menschen Macht ausüben wollen. Wenn es anders nicht geht, lassen sie es an den Tieren aus. Wenn mir so etwas noch einmal begegnen sollte, werde ich auch da nicht mehr schweigen. Die Chance, etwas zu ändern, einzugreifen, kommt nur einmal. Ein anderer Hund hier in Santiago de Cacem hat Harris angebellt. Es war bestimmt so einer, der als Kampfhund bezeichnet wird, weil er auch einen Maulkorb tragen musste. Die Besitzerin hat ihn aber ganz ruhig an Harris herangeführt. „Ja, schau, ein Stock!“ Das Tier ließ sich von mir streicheln und das Mädel hat sich total gefreut, als ich ihren Hund gelobt habe. Da stimmt die Beziehung. Nur wegen dem Urteil anderer, die das Wesen des Hundes nicht mal kennen, muss er den Maulkorb tragen. So sind meine Gedanken, kreuz und quer. Wie meine Reise, kreuz und quer.
GrandolaWow. Da liebt jemand die Kunst und seine Tiere.Entdeckt ihr die Wildschweine? Sogar Frischlinge sind in der Rotte von bestimmt fünfzehn Tieren.Alles blüht.Und da ist ein Bär! Wundern tut mich nichts mehr. Die einen sagen, es ist meine Fantasie, die anderen nennen es Magie.Ein liebevoll eingerichteter Rastplatz mitten in der Wildnis Santiago do Cacem
Wenn die Dimensionen sich mit den Elementen und dem Leben verschränken, dann beginnt die tobende und atemberaubende Wirklichkeit. Das ist das wahre Abenteuer.
So stelle ich mir das vor, mit Hoppsassa durch jeden Sturm. Brief und Paket bitte per Luftpost!
Kaum komme ich ein wenig zur Ruhe, kommen mir die besten Ideen. Ich habe hier mein Traummuli gefunden. Ein feines Kerlchen mit weißem Fleck auf dem Po. Wie schön wäre es, mit ihm durch die Gegend zu ziehen, mein Häuschen im Gepäck. Und weil das Wohl der Tiere vor allem steht, hat das Tierchen selbstverständlich einen Pool auf dem Hausdach und für Regentage gibt es einen ausführbaren Unterstand. Fülle ich den Pool mit Helium, ist das schwebende Gefährt nicht einmal schwer zu ziehen.
Das ist es. Morgentlicher Spaziergang in das nächste Café Freude am WegesrandPinienzapfenVerwoben MusterDie blaue Blume – mit Besucherin. “ Schläft ein Lied in allen Dingen, die das Träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ Joseph von Eichendorff. Die blaue Blume ist ein Motiv bei ihm und Novalis. Sie steht für Liebe und Erkenntnis
Harris redet übrigens wieder mit mir und es ist wundervoll. Ich weiß auf einmal, dass ich genau der Freigeist sein darf, der ich immer gewesen bin. Ich weiß, dass ich vom pulsierenden Leben umgeben bin. Ich höre die Dinge reden. Sie sprechen mit mir. Ich weiß, dass ich ganz vertrauen und mich der Liebe zum Leben hingeben darf. Ich werde geführt. Wenn ich etwas suche, oder ein Geheimnis lüften möchte, muss ich nur vertrauen. Ich bin der Detektiv und Forscher, der im wahrsten Sinne des Wortes an der Nase herumgeführt wird. Mir werden Dinge und Orte gezeigt, ich werde die richtigen Menschen treffen. Ich bin jetzt schon ein Teil der verrückten Welt, wurde mit Harris herzlich willkommen geheißen, jener Welt, die die eigentliche ist, jenseits und unabhängig von Raum und Zeit und Kausalität. Ich darf spielen und verrückt sein. Es ist sogar wichtig. Die Menschen schaffen sich ihre Welten und haben soviel Böses in die Welt gesetzt. Wenn wir wieder an die Liebe und das Lichte glauben, werden die lichten Wesen um uns herum wie von selbst sicht- und spürbar. Schreibt gute Geschichten und wundervolle Märchen! So ist auch Pippi Langstrumpf Realität, ihre Energie schlummert in dieser Welt. Ich bin hier, um die Welt spielerisch und mit Gelächter zu entdecken. Die ewige Reisende, die, die ich immer gewesen bin. Weltenwanderer in Verbindung zur Magie und Alchemie. In Liebe und Verbundenheit öffnet sich das Tor, lässt das Zauberwort alles singen und erklingen. Wenn ich das, was ich in mir spüre, weitergebe, werde ich ganz viel bewirken. Menschen werden anfangen, ihre eigenen Märchen zu leben und die Welt wird sich verändern. Alles ist möglich.
Ich halte Harris in meinen Händen. Es ist, als wenn wir nie getrennt gewesen wären. Tapfer hat er in Golega Stellung gehalten. Mich macht es ein wenig traurig, dass sich keiner auf der Karte von Harris verewigt hat. Aber seine Energie sind für Außenstehende wahrscheinlich schwer zu verstehen. Der Rückflug nach Portugal verlief reibungslos, ebenso die Busfahrt nach Torres Novas. Die letzten Kilometer nach Golega bin ich zu Fuß geeilt. Und da stand mein Freund in der Waschküche, als könne er kein Waschküche trüben. Schwungvoll und in Shorts haben wir uns am nächsten Morgen auf den Weg gemacht zu einem kleinen Abstecher zurück in den Norden. Ich hab ja von dem Mann in Tomar an der Bushaltestelle erzählt. Alingo heißt er und er wollte mir unbedingt noch sein eingestürztes Haus zeigen. In Vila Nova da Barpuinha hat er mich mit seinem Opel abgeholt. Und sein Haus ist wirklich eingestürzt! Seine kleine Bibliothek schwimmt im Wasser und Elektrizität gibt es seit dem Sturm nicht. Der Hühnerstall ist voll Schlamm und Hahn und Henne werden nur für wenige Stunden dort vor dem Fuchs in Sicherheit gebracht. Der Fuchs möchte ja auch essen. Vier Hunde gehen ein und aus und wollen gestreichelt werden. Zum Abendbrot gibt es Brot und Tomate. Alingo studiert Psychologie in Coimbra und hat nicht viel Geld. Die Universität kostet Geld und wenn er studiert, kann er nicht arbeiten gehen. Aber er ist zuversichtlich, dass es irgendwann besser wird und er sein bescheidenes Leben mit einer Tätigkeit finanzieren kann, die ihm auch Spaß macht. Ich finde das sehr mutig, immerhin ist er wesentlich älter als ich. Sein Nachbar hört gar nicht auf, zu reden. Im Moment forscht Alingo per Chat für alle, die neugierig sind, in ihren vergangenen Leben. Genaueres hat er mir leider nicht verraten, wahrscheinlich habe ich ihn auch mit meinem Geplapper über die Zeichen auf Harris, die definitiv aus meinen vielen vergangenen Leben stammen, verwirrt. Ich sage es ja, es ist nicht einfach mit mir und schon gar nicht, wenn ich mit Harris auftauchen. So muss ich mich allein auf Forschungsreise begeben und genau das wird geschehen.
Ohne Harris in Deutschland. Da helfen nur warme Getränke Vor einem paar Wochen war der Weg noch unpassierbarDas Wasser geht zurückDer Frühling kommtKirschblüteStörcheUnd ganz viel GänseblümchenEin lost place in Quinta da CardigaDas bleibt zurück. Wie mag es gewesen sein? Natürlich ElefantenRiesige verlassene Gebäude
Vor einem dreiviertel Jahr habe ich sie zuerst in den Händen gehalten. Ahnungslos habe ich den Karton geöffnet, das Papier zurückgeschlagen und sie anprobiert: Meine Sandalen. Sie sind mädchenhaft rosa. Vor dreißig Jahren hätte ich diese Farbe vermieden, blaue und schwarze Töne gewählt. Als junges Mädchen konnte ich mich noch nicht als die akzeptieren, die ich bin, habe mich möglichst unauffällig gekleidet und verhalten. Wenn mir damals jemand erzählt hätte, dass ich heute mit einem großen Wanderstock durch die Welt renne und es mich überhaupt nicht interessiert, was die Leute über mich denken, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Jetzt tragen mich meine Sandalen über die Erde, strahlen in ihren leuchtenden Farben eine Leichtigkeit aus, sprechen von einem Tänzeln und einer Fröhlichkeit. Meine Füße fühlen sich in ihnen wohl, bekommen frische Luft, Sonne und Regen und hin und wieder Sandkörnchen, Steine und Stöcker zu spüren. Wir waren zusammen Tanzen in Porto, haben Berggipfel erklommen, sind durch Flüsse und Pfützen getappert, über spitze Steine, Kopfsteinpflaster, durch Gestrüpp gestolpert. Der rechte Schuh ist längst hinten an der Innenseite kaputt, die Sohlen sind dünn geworden und haben mehr und mehr die Form meiner Füße angenommen. Ich hätte sie längst austauschen müssen. Ich habe es sogar versucht, aber die bestellten Schuhe waren zu klein. Und im Winter irgendwo Sandalen in Schuhgeschäft zu kaufen, das ist fast unmöglich. So bleiben sie mir treu, über hunderte von Kilometern hinweg. Die Füße sind an vielen Stellen wundgescheuert und müde, wie die Sandalen. Aber wir laufen weiter. Es sind “ nur“ Schuhe, aber diese Gegenstände haben ihren eigenen Charakter angenommen, sind vom bloßen Produkt irgendwo aus einer Fabrik zu eigenständigen Wesen geworden, von denen ich mich nur schwer trennen kann. Von Agueda aus haben sie mich schon wieder nach Coimbra getragen. Wir haben zweimal im Zelt übernachtet. Es war etwas kühl, aber man kann nicht alles haben. In den Herbergen erwartet mich zwar immer ein warmes und weiches Bett, aber die Einsamkeit ist dort eine andere. Es ist lustig zu beobachten, wie jede Person im Schlafsaal versucht, seine Häuslichkeit zu wahren. Da wird die Fernbedienung der Klimaanlage zu einem heiß begehrten Gegenstand. Der eine schaltet sie auf volle Pulle, um seine Wäsche zu trocknen, der andere macht sie aus, sobald er den Raum betritt. Eine ganze Nacht hat einer dieser Menschen die Macht an sich gerissen und die Fernbedienung versteckt. Manche meiner Zimmergenossen ignorieren standhaft jeden einzelnen Mitbewohner, andere sind genauso neugierig wie ich und tauschen Geschichten aus. Von der Herberge in Coimbra aus habe ich freien Blick auf das Gefängnis. Es ist ein stattliches Gebäude und hat mich gestern angezogen. Besichtigung unmöglich. Es thront mitten in der Stadt wie eine Ermahnung. Wie viele Menschen mögen dort schon ihr Dasein abgesessen und für ihre Sünden gebüsst haben. Ich büße auf meine Weise, weiß immer noch nicht, wohin mein Weg mich führt. Das ist aufregend, aber auch anstrengend. Alle gehen ihrem Alltag nach, wissen, wohin sie gehören, nur ich nicht. Selbst die Straßenhunde haben hier ein Ziel. Oft kommt mir ein Hund entgegen auf den einsamen Straßen und wie ich halt so bin, fange ich an, mit ihm zu quatschen. Aber die meisten laufen einfach weiter, als würde sie hinter der nächsten Straßenecke jemand erwarten, hätte sie jemand gerufen. Wäre ich nur wie sie und könnte besser auf meinen inneren Ruf hören! Wer weiß, wie lange man sich herumtreiben muss, um diese Fähigkeit zu beherrschen wie ein Straßenhund. Ich übe weiter.
Alt und abgetragen und so tapfer –– erzählen sie ihre eigenen Geschichten.Kaum beachtete SchönheitenDas Gefängnis!Der botanische Garten von Coimbra mit uralten Bäumen und magischen Plätzen.Ficus macrophyliaNeugier auf das Universum. An der Universität von Coimbra Die Universität Gipfelstürmen mitten in der StadtHin zu verlassenen und lustigen GebäudenAussicht auf den Mondego
Das Meer entfaltet seine volle Wirkung auf mich und Harris. Und seht euch die Gestalten an, nicht nur auf uns! Diese Wesen aus Strandgut sind laut einem zahnlosen Portugiesen Vodoo pur. Wenn ich ihn richtig verstanden habe. Er hat mich wohl nicht verstanden, als ich ihm erzählt habe, dass Harris auch so einer ist. Verzaubert und magisch. Lange habe ich mit meinem besten Freund vor den Fluten gestanden und mich mit den Elementen und dem Sein hinter dem Horizont verbunden. Im Moment bin ich etwas planlos, wie ich weiterlaufen soll. Die Metropole Porto liegt vor uns und mir ist gar nicht nach dem Getümmel. Sich treiben lassen und irgendwo angespült werden wie Strandgut ist gar nicht so leicht. Und ich muss lernen, dass es ein wichtiger Teil der Reise ist, Menschen zu begegnen – meist im genau dem richtigen Augenblick – und diese dann weiterziehen zu lassen. Ich hätte am Liebsten selbst die Kröte eingesammelt und beschützt. Wieder ist mir so eine rastlos Seele begegnet. Walter ist seit Jahren immer wieder unterwegs. “ Der Weg ist mein Zuhause.“ Er lässt lieber all die Freundlichkeit der Menschen auf sich wirken, die man zu spüren bekommt, wenn man als Pilgerer unterwegs ist, als in seiner leeren Wohnung zu sitzen. Jetzt, wo er im Ruhestand ist, hat er endlich Zeit über das Leben nachzudenken und braucht sich nicht mehr einem Ziel zu verschreiben. Walter schmunzelt viel, aber manchmal blickt er traurig auf den Boden. „Das Leben ist hauptsächlich Leid.“ So etwas tut mir immer weh. Natürlich fließen im Laufe des Lebens immer wieder Tränen. Aber daran wachsen wir, es ist eine Chance. Wo hat der Mensch sein Zuhause? Bereits in Duisburg hatte ich mich das gefragt, nicht ahnend, dass ich bald selbst auf der Suche sein würde. Als Jugendliche hatte ich einen obdachlosen Freund. Weihnachten war immer eine schwere Zeit für ihn, eine Zeit des Rückzuges. Ich konnte ihm damals nur wenig Geborgenheit schenken. Die Teddydame Eleonora hieß bei ihm mal Buma, mal Maren, je nachdem in welchem Winkel seines Unterschlupfes sie sich wieder herumgetrieben hat. Jetzt liegt sie neben ihm unter der Erde. Ich weiß, dass Schorse mich irgendwie und irgendwo auf meinem Weg begleitet und das gibt mir den Mut, weiterzugehen. Seine Liebe trägt mich. Ihr werdet mich auslachen, aber ich habe zum Beispiel herumgeflaxt, dass er mir wenigstens beim Zeltaufbau helfen könnte. Seitdem bleibt das Gestänge immer stehen bis alle Heringe in den Boden geschlagen sind. Eigentlich wollten ich von meiner Hilflosigkeit schreiben, wenn mir traurige und getriebende Menschen begegnen. In meinem Herzen wohnt ein tiefes Gefühl von Freiheit, Liebe und Verbundenheit mit allem. Ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist das Leben pur. Ich brauche keinen Alkohol oder Drogen. Meine Sucht ist das Leben und das ist immer da, selbst in den schlimmsten Situationen kann ich mich trösten, weil alles um mich herum weiterkrabbelt und sei es die Spinne in der Ecke. Das ist ein wertvoller Schatz, den ich da in mir habe. In Worten ist das schwer zu fassen. An so vielen Tagen habe ich mir gewünscht, dieses Gefühl teilen, aus meinem Herzen herausreißen, weitergeben und damit Mut schenken zu können. Eines Tages kann ich das. Deshalb bin ich auf dem Weg.
Kapitän Morgan wie er lebt und lebtDer Zauber des MeeresWalrossbabyMeerespfützenSeht euch diese wunderbaren Farben anWas für die einen Erholung ist, ist für die anderen harte Arbeit. Wo hat der Mensch sein Zuhause
Ein Barbarpapa kann sich in alles verwandeln – auch in Regentropfen
So muss ich ganz nach Portugal reisen, um mich an meine alten Freunde aus der Kindheit zu erinnern. Früher hatten wir eine Schallplatte mit Geschichten über diese wundervolle Komikfigur. Barbarpapa, seine Frau und seine sieben Kinder können jede Form annehmen, ob Flugzeug, Blume, Brücke, Hund oder Katze. Es sind sehr freundliche Gesellen. “ Ra- Ru- Rick, Barbartrick“ heißt ihr Verwandlungsspruch. Schuld sind Marcos und die Pfützen. Marcos ist mir gestern in einer Pilgerunterkunft begegnet, mit nassen Schuhen und Klamotten. Gestern waren es hart erkämpfte Kilometer zu wandern. Marcos zeichnet und hat sich selbst als Barbarpapa- Pfütze gemalt. Anpassung ist eben alles. Und ich vertrete die feste Überzeugung, dass wir alles sein können, was wir wollen. Wir müssen nur mit Herz und Seele dabei sein, uns einfühlen. Mit den Krähen im Wind fliegen, dahinplätschern wie ein Tropfen, gleiten wie eine Schnecke. Marcos ist immer wieder auf den Pilgerwegen unterwegs, ein ruheloser Gesell, der in der Hochsaison seine Fahrdienste für Pilgerer anbietet. Das schönste Kompliment der Welt habe ich auch von ihm bekommen, als wir über Träume gesprochen haben. Ich sehe aus wie Pippi Langstrumpf. Klasse, oder? Tausendmal besser als wie ein Topmodel! Bin ich mit Pippi verwandt? Tragen wir die gleiche Energie in uns? Vielleicht bin hat Marcos aber auch nur geahnt, dass ich am liebsten mit den Füßen nach oben in den Himmel herumliege. Und ich habe einen neuen Plan für meine Pilgerwege. Aber den verrate ich noch nicht. Ich sage ja, meine Pilgerwege gehen kreuz und quer, ganz wohin der Wind mich treibt. In einer Bäckereien wurde ich von einem kleinen Mädchen in schwarzen Lackschuhen auf Portugisisch dafür ausgeschimpft, dass meine Sandalen nass und dreckig sind. Und meine heiße Schokolade hat sie ganz misstrauisch begutachtet. Probieren wollte sie aber nicht. Harris hat nasse Füße bekommen und steht kopfüber im Schirmständer der heutigen Unterkunft. Es bleibt spannend.
Im Moment kein sonniges und goldenes Portugal. Aber Hähne gibt es hier wirklich viele. Ich höre sie oftEine Eukalyptusblüte. Wie die duftet….An der Ostsee hatte ich meine einsamen Insel schon gefunden. Hier wäre sie sogar unter einer Brücke und mit PalmeSchöne Festtage übrigens!
Es hat viele Vorteile, im November zu reisen. Ich möchte nicht wissen, was im Frühling und im Sommer auf den Pilgerwegen los ist. Selbst jetzt kommen mir viele entgegen. Es war sogar einer dabei, der in meine Richtung läuft. Es gibt Geschäfte und Cafés, Herbergen für Pilgerer in jeder Stadt. Trinkwasser aus Brunnen. So viel Luxus bin ich gar nicht gewohnt, was musste ich in Deutschland, Holland und Belgien um Wasser betteln. Das Pilgertum ist hier ein regelrechtes Geschäft. Die Einheimischen kennen ihre Pappenheimer schon und winken, pfeifen und hupen, sobald ich in meiner Orientierungslosigkeit mal einen falschen Weg nehme. Einen Schlafplatz draußen finde ich auch meist ohne Probleme. Ein Käuzchen hat mich begleitet und ein neugieriges Rotkehlchen musste kontrollieren, ob ich meinen Platz auch ordentlich hinterlasse. Selbstverständlich! Ich ehre jeden Platz, der mich zum Schlafen und Ausruhen einlädt. Nach vier Tagen Wanderung und drei Nächten im Zelt bin ich nun in O Porrino angekommen. Die Weihnachtsdeko hier ist der pure Wahnsinn. So viele Lichterketten! In der Pilgerunterkunft sitze ich allein. So hört wenigstens keiner, wenn ich mit Harris rede. Mir ist manchmal so, als würden er hinter meinem Rücken mit allem quatschen: Mit den Steinen, Pflanzen und Tieren und Wesen. Ich bekomme nur Antworten von ihm über die Zeichen, die auf ihm eingraviert sind von den Elementen. Und diese Zeichen wandeln sich stetig in der Harrisenergie- und Schwingung.
Spuren von Pilgerern, die ihre Plätze nicht ehren
Nieder mit dem Konsum! Auch das Plakat im Hintergrund ist fein.In Galicien liebt und lebt man mit den Felsen und Bergen. Die uralten Energien behalten ihr Berechtigung Die Energie von Harris ist auch uralt. Durch viele Leben und Geschichten hatten er mich schon begleitet. Jetzt halte ich ihn wieder in den Händen und darf seine Kräfte neu entfachenDer weiße Elefant auf Harris, eines von vielen Zeichen
Und er redet mit dem Vieh und VögelnDas mühselige in die Höhe Rennen lohnt sichEtwas weihnachtliche Deko
Von Santiago de Compostela über Padron bis nach Caldas de Reis habe ich drei Tage gebraucht mit zwei Übernachtungen im Zelt. Die letzte Nacht war richtig kalt bei nur drei Grad. Das feuchte Zelt zusammenzulegen ist früh am Morgen nichts für meine kälteempfindlichen Hände. Durchgefroren bin ich in Caldas de Reis in der Herberge angekommen und habe erstenmal die Dusche gestürmt. Heute ist Ruhetag. Es regnet. Aber was soll ich sagen: Ich bin schon wieder kribbelig auf die Weiterreise. Draußen und in der Natur ist es einfach am Schönsten und es liegen überall so viele Esskastanien in den Wäldern, dass ich meine Nusstüte noch nicht abbrechen musste. Und es gibt Orangen- Zitronen- und Eukalyptusbäume. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben unter einem Eukalyptusbaum geschlafen. Die Wege sind deutlich einfacher zu laufen als die nach Lourdes. Selbst zu dieser Jahreszeit sind noch viele Pilgerer unterwegs und ich wurde schon darauf aufmerksam gemacht, dass ich in die falsche Richtung laufen. Nein- ich will keine Pilgerurkunde in Santiago de Compostela. Ich will in den Süden. Meine großen Wanderschuhe hängen bisher immer noch unbenutzt am Rucksack. Von mir aus kann das die ganze Reise über so bleiben, ich fliehe vor der Kälte. Die Zeit heute habe ich zum Malen genutzt. Mir fällt es noch schwer, das, was in mir vorgeht, mit Worten auszudrücken. Schaut es euch selbst an. Gerade die, die mich mit meinem Harris immer noch nicht ernst nehmen!
Stellt euch vor, eine riesige Flutwelle überschwemmt die Welt.Eine vollkommen neue Welt entspringt, aber keiner nimmt das wahrIch muss beweisen, dass die Welt verrückt istUnd werde zum Fremdenführer durch die neue Welt
Ländliche Idylle mit Orangen und Kakteen Überall Pilgerer