Ab in die Fluten

Es regnet und regnet. Schwer hängen die Wolken über der Landschaft. Ich bin in Ponte de Lima angekommen. Gestern bin ich gerannt wie der Teufel berghoch und bergrunter. Es ist mir nicht schwer gefallen, der Körper gewöhnt sich an die Belastung. Aber die Tage im kalten und feuchten Zelt machen sich bemerkbar. Ich bin erkältet und zu allem Überfluss gestern noch in einen Bach gefallen. Oder war es ein Weg? Der ganze Weg war ein Bach. Sandalen aus und die Hose hoch, an sich kein Problem für mich. Kaum war aber wieder fester Boden in Sicht, habe ich nicht mehr mit der Glätte gerechnet und bin mitten im Bach gelandet, mit Rucksack. Und ich hatte vorher noch mit Harris geflaxt, dass ich lieber all mein Hab und Gut verlieren würde als ihn. Als es dann so weit war, hat sich das gar nicht mehr gut angefühlt. Zelt, Tablett, Klamotten, Bilder und Farben – alles im Wasser. Ich habe keine Tränen vergossen, sondern mich aufgerafft und bin weitergelaufen. Und am Ende hatte ich wieder mal Glück im Unglück: Einzige meine Klamotten musste ich wechseln, der Rest ist trocken geblieben. Hui….. Leider ist mir kein Pilgerer mit festem Schuhwerk entgegengekommen, ich hätte zu gerne gewusst, wie die das mit dem überschwemmten Weg gehandhabt haben. Spuren von Schuhen waren da. In Ponte de Lima gab es erstmal heiße Schokolade, so lecker in Spanien und Portugal. An einer Holzwerkstatt bin ich grinsend mit Harris vorbeigelaufen. Der Tischler kam auch prompt mit einer Säge raus und wollte Harris eine neue Frisur verpassen. In der Wäscherei wollte man meinen nassen und dreckigen Haufen nicht annehmen, also blieb nur der Trockner vor dem Supermarkt. Was für ein Tag! Die gute Seele meiner Herberge muss mir alles angesehen haben und hat mir erstmal Badepuschen und einen Wollumhang gebracht. Es ist immer noch schön, auf Reisen zu sein, auch wenn die Weihnachtsbeleuchtung und die dazugehörige Musik mich ein wenig schwermutig macht. Aber solange ich Pilgerin bin, weiß niemand, wer ich bin. Ich werde von niemandem verurteilt, höchstens dafür, dass ich mit einem großen Stock durch die Gegend laufe. Ich stehe nicht mehr vor Gericht für all meine Fehler. Ich darf laufen und laufen- heute hier, morgen dort- der Freiheit entgegen. Die Begegnung mit Elke, die den Jakobsweg wegen Burnout angetreten ist, hat mir das noch einmal vor Augen geführt. Elke Ärztin unterstützt, ihren Wandertrieb: “ Bewegung, Bewegung und Bewegung. Besser als Medikamente.“ Wie wahr, nur leider denken nicht alle so. Als Kranke soll man lieber eingesperrt in einem Raum irgendwelche Tabletten schlucken. Das System ist komisch. Das bekommt auch Harris zu spüren, der in Lourdes nicht mit zur Grotte durfte und am Bahnhof in Miranda De Ebro streng nach verborgenen Waffen durchsucht wurde. Ich muss einen Passport für ihn beantragen. Nur wird der ellenlang sein, nur so lassen sich Harris ganzen Facetten erfassen. Was die lieben Leute nicht wissen: Die Harris- Energie ist grenzenlos. Er macht einfach das, wozu er Lust und Laune hat.



