What are you thinking about?

Egal, was ich mache, egal über was ich nachdenken: Ich bin nie allein. Hier hat sich eine Taube zu mir und Harris gesellt.

„Über was denkst du nach? Du sitzt da und schaust umher, schreibst zwischendurch etwas auf. Deine Augen sind überall.“ Darauf wurde ich in einem Cafè hier in Santiago do Cacem angesprochen. Ich wurde kalten Fußes beim Trödeln, auf Englisch „dawdle“ und „enrolar“ in Portugal erwischt. Nun, das ist nun einmal die beste Art, um zu reisen. Ich bin nicht mehr auf der Flucht, ich renne nicht mehr vor mir selbst weg, ich stelle mich meinen Gedanken und Gefühlen. Und wenn an einem Tag das Glück durch meine Adern rauscht und mir an einem anderen die Tränen aus den Augen kullern vor Weltschmerz, Hilflosigkeit und Einsamkeit, dann ist das so. Meine Reise ist ein Akt der Buße und einer der Selbstfindung. In mir brodelt so viel. Eines Tages werde ich zurückkehren und nicht mehr schweigen. Ja – ich habe gesündigt, aber wer hat das nicht? Ich bereue nicht, dass ich meiner Liebe gefolgt bin und meiner Leidenschaft, ich bereue nur, dass ich nicht richtig reagiert habe. Ich lerne mehr und mehr, auf mein eigenes Herz zu hören. Es ist gut möglich, dass sich einige Menschen deshalb abwenden, aber ich bin überzeugt davon, dass viele genau das schätzen werden. Ich bin so dankbar über die Menschen, die mich begleiten und sei es nur in Gedanken. Aber was ist mit denen, die mich verurteilen? Ich vermisse meine Kinder und weiß, dass das, was jetzt passiert, längst nicht mehr richtig ist. Für niemanden. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich ganz viel bewegen kann, je freier ich werde, je mehr ich bei mir selbst ankomme und meinen verrückten Wanderstock stolz schwinge als Akt des Widerstandes gegen all die Begrenzungen, die uns auferlegt werden, durch gegenseitige Intoleranz, festgefahrene Gewohnheiten und das, was andere das System nennen, uns aber nur weiter und weiter von unserem eigentlichen Sein fortführt. Ich sehe Menschen und fühle mit ihnen und eines Tages werde ich nicht mehr schweigen. Meine Welt mag euch allen unwirklich erscheinen, aber sie ist absolut frei und genial. Harris führt mich tiefer und tiefer hinein und an manchen Tagen kann ich nur mit offenem Mund dasitzen und staunen. Gerne führe ich auch euch hindurch – irgendwann. So weit bin ich schon wieder gelaufen. Am Wegesrand und auf den Wiesen blühen gelbe, blaue und rote Blumen. Der Kuckuck ruft. Störche sitzen auf ihren Nestern und kreisen hoch in den Lüften auf der Suche nach Nahrung. Es ist die Zeit der Störche und des Neuanfangs. Mein Weg ging über Grandola nach Santiago de Cacem. Nachts im Zelt ist es jetzt angenehm warm. Ich wurde von Wildscheinen besucht und dachte in der Dunkelheit, dort hätte ein Bär gegrunzt. Auf dem Marktplatz in Grandola hat eine Taube sich abgelegt und den Zebrastreifen und mich beobachtet. Ein lustiges Ding. Bestimmt studiert sie das Verhalten der Menschen. Bei einem Hund an einer kurzen Kette musste ich an einen Hund in Deutschland denken. Die Besitzerin hat ihn an der extrem kurzen Leine geführt und er durfte gar nichts, nicht einmal schnuppern, am liebsten keinen Laut von sich geben. So ein verängstigt Tier! Das passiert, wenn Menschen Macht ausüben wollen. Wenn es anders nicht geht, lassen sie es an den Tieren aus. Wenn mir so etwas noch einmal begegnen sollte, werde ich auch da nicht mehr schweigen. Die Chance, etwas zu ändern, einzugreifen, kommt nur einmal. Ein anderer Hund hier in Santiago de Cacem hat Harris angebellt. Es war bestimmt so einer, der als Kampfhund bezeichnet wird, weil er auch einen Maulkorb tragen musste. Die Besitzerin hat ihn aber ganz ruhig an Harris herangeführt. „Ja, schau, ein Stock!“ Das Tier ließ sich von mir streicheln und das Mädel hat sich total gefreut, als ich ihren Hund gelobt habe. Da stimmt die Beziehung. Nur wegen dem Urteil anderer, die das Wesen des Hundes nicht mal kennen, muss er den Maulkorb tragen. So sind meine Gedanken, kreuz und quer. Wie meine Reise, kreuz und quer.

Grandola
Wow. Da liebt jemand die Kunst und seine Tiere.
Entdeckt ihr die Wildschweine? Sogar Frischlinge sind in der Rotte von bestimmt fünfzehn Tieren.
Alles blüht.

Und da ist ein Bär! Wundern tut mich nichts mehr. Die einen sagen, es ist meine Fantasie, die anderen nennen es Magie.
Ein liebevoll eingerichteter Rastplatz mitten in der Wildnis
Santiago do Cacem

Wenn die Dimensionen sich mit den Elementen und dem Leben verschränken, dann beginnt die tobende und atemberaubende Wirklichkeit. Das ist das wahre Abenteuer.