Vodoo und Meereszauber

Das Meer entfaltet seine volle Wirkung auf mich und Harris. Und seht euch die Gestalten an, nicht nur auf uns! Diese Wesen aus Strandgut sind laut einem zahnlosen Portugiesen Vodoo pur. Wenn ich ihn richtig verstanden habe. Er hat mich wohl nicht verstanden, als ich ihm erzählt habe, dass Harris auch so einer ist. Verzaubert und magisch. Lange habe ich mit meinem besten Freund vor den Fluten gestanden und mich mit den Elementen und dem Sein hinter dem Horizont verbunden. Im Moment bin ich etwas planlos, wie ich weiterlaufen soll. Die Metropole Porto liegt vor uns und mir ist gar nicht nach dem Getümmel. Sich treiben lassen und irgendwo angespült werden wie Strandgut ist gar nicht so leicht. Und ich muss lernen, dass es ein wichtiger Teil der Reise ist, Menschen zu begegnen – meist im genau dem richtigen Augenblick – und diese dann weiterziehen zu lassen. Ich hätte am Liebsten selbst die Kröte eingesammelt und beschützt. Wieder ist mir so eine rastlos Seele begegnet. Walter ist seit Jahren immer wieder unterwegs. “ Der Weg ist mein Zuhause.“ Er lässt lieber all die Freundlichkeit der Menschen auf sich wirken, die man zu spüren bekommt, wenn man als Pilgerer unterwegs ist, als in seiner leeren Wohnung zu sitzen. Jetzt, wo er im Ruhestand ist, hat er endlich Zeit über das Leben nachzudenken und braucht sich nicht mehr einem Ziel zu verschreiben. Walter schmunzelt viel, aber manchmal blickt er traurig auf den Boden. „Das Leben ist hauptsächlich Leid.“ So etwas tut mir immer weh. Natürlich fließen im Laufe des Lebens immer wieder Tränen. Aber daran wachsen wir, es ist eine Chance. Wo hat der Mensch sein Zuhause? Bereits in Duisburg hatte ich mich das gefragt, nicht ahnend, dass ich bald selbst auf der Suche sein würde. Als Jugendliche hatte ich einen obdachlosen Freund. Weihnachten war immer eine schwere Zeit für ihn, eine Zeit des Rückzuges. Ich konnte ihm damals nur wenig Geborgenheit schenken. Die Teddydame Eleonora hieß bei ihm mal Buma, mal Maren, je nachdem in welchem Winkel seines Unterschlupfes sie sich wieder herumgetrieben hat. Jetzt liegt sie neben ihm unter der Erde. Ich weiß, dass Schorse mich irgendwie und irgendwo auf meinem Weg begleitet und das gibt mir den Mut, weiterzugehen. Seine Liebe trägt mich. Ihr werdet mich auslachen, aber ich habe zum Beispiel herumgeflaxt, dass er mir wenigstens beim Zeltaufbau helfen könnte. Seitdem bleibt das Gestänge immer stehen bis alle Heringe in den Boden geschlagen sind. Eigentlich wollten ich von meiner Hilflosigkeit schreiben, wenn mir traurige und getriebende Menschen begegnen. In meinem Herzen wohnt ein tiefes Gefühl von Freiheit, Liebe und Verbundenheit mit allem. Ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist das Leben pur. Ich brauche keinen Alkohol oder Drogen. Meine Sucht ist das Leben und das ist immer da, selbst in den schlimmsten Situationen kann ich mich trösten, weil alles um mich herum weiterkrabbelt und sei es die Spinne in der Ecke. Das ist ein wertvoller Schatz, den ich da in mir habe. In Worten ist das schwer zu fassen. An so vielen Tagen habe ich mir gewünscht, dieses Gefühl teilen, aus meinem Herzen herausreißen, weitergeben und damit Mut schenken zu können. Eines Tages kann ich das. Deshalb bin ich auf dem Weg.






