Hurra, hurra, der Sommertag ist da. Und es ist gleich so was von heiß. Das bringt mich Norddeutschen mit meinem schweren Gepäck ganz schön an meine Grenzen. Immerhin habe ich es noch von Santiago do Cacem zum Badoca Safari Park und dann nach Vila Nova de Santo Andre geschafft, mit einer Übernachtung im Zelt inklusive. Ich konnte nicht anders – ich musste unbedingt noch einmal an das Meer. Das hat sich auf alle Fälle gelohnt, nicht nur die lieben Tiere im Safaripark, sondern auch der einsame Sandstrand. Leider habe ich mir dabei wohl einen Sonnenstich geholt. Die totale Erschöpfung und Übelkeit. Und wieder bin ich nur auf hilfsbereite Menschen gestoßen: Mein Pensionswirt hat mich mit samt Harris zur nächsten Unterkunft gefahren. Hier sammle ich Kräfte, neue Pläne und anderlei Schabernack.
Weil ich herumgeschäckert habe, dass ich aufbreche zu meiner großen Reise, sobald ich eine Pfauenfeder finde, und mir dann gleich ein ganzes Pärchen über den Weg gelaufen ist, bin ich losgezogen Was bedeutet es, wenn ich jetzt mit Pfauen Maiswaffeln teile?
Im TierparkIst allenheiß Der lachende Hans verspeist noch schnell sein Frühstück- ein ganzes, totes Kücken.Der Wegesrand hält wieder Überraschungen bereit- hier meine TraumvillaIn meiner Unterkunft in Vila Nova do Santo Andre. Wundert’s, dass die Menschen so herzlich sind?Das MeerEin Sackträger. Dieses Tierchen schleppt sein Leben lang den selbstgebauten Sack als Schutz mit sich herum. Hab ihn auf dem heißen Sandweg nur entdeckt, weil er sich gegen die Windrichtung bewegt hat.Muss ich euch noch zeigen: Ein Laden in Santiago do Cacem. Leider geschlossen.
Egal, was ich mache, egal über was ich nachdenken: Ich bin nie allein. Hier hat sich eine Taube zu mir und Harris gesellt.
„Über was denkst du nach? Du sitzt da und schaust umher, schreibst zwischendurch etwas auf. Deine Augen sind überall.“ Darauf wurde ich in einem Cafè hier in Santiago do Cacem angesprochen. Ich wurde kalten Fußes beim Trödeln, auf Englisch „dawdle“ und „enrolar“ in Portugal erwischt. Nun, das ist nun einmal die beste Art, um zu reisen. Ich bin nicht mehr auf der Flucht, ich renne nicht mehr vor mir selbst weg, ich stelle mich meinen Gedanken und Gefühlen. Und wenn an einem Tag das Glück durch meine Adern rauscht und mir an einem anderen die Tränen aus den Augen kullern vor Weltschmerz, Hilflosigkeit und Einsamkeit, dann ist das so. Meine Reise ist ein Akt der Buße und einer der Selbstfindung. In mir brodelt so viel. Eines Tages werde ich zurückkehren und nicht mehr schweigen. Ja – ich habe gesündigt, aber wer hat das nicht? Ich bereue nicht, dass ich meiner Liebe gefolgt bin und meiner Leidenschaft, ich bereue nur, dass ich nicht richtig reagiert habe. Ich lerne mehr und mehr, auf mein eigenes Herz zu hören. Es ist gut möglich, dass sich einige Menschen deshalb abwenden, aber ich bin überzeugt davon, dass viele genau das schätzen werden. Ich bin so dankbar über die Menschen, die mich begleiten und sei es nur in Gedanken. Aber was ist mit denen, die mich verurteilen? Ich vermisse meine Kinder und weiß, dass das, was jetzt passiert, längst nicht mehr richtig ist. Für niemanden. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich ganz viel bewegen kann, je freier ich werde, je mehr ich bei mir selbst ankomme und meinen verrückten Wanderstock stolz schwinge als Akt des Widerstandes gegen all die Begrenzungen, die uns auferlegt werden, durch gegenseitige Intoleranz, festgefahrene Gewohnheiten und das, was andere das System nennen, uns aber nur weiter und weiter von unserem eigentlichen Sein fortführt. Ich sehe Menschen und fühle mit ihnen und eines Tages werde ich nicht mehr schweigen. Meine Welt mag euch allen unwirklich erscheinen, aber sie ist absolut frei und genial. Harris führt mich tiefer und tiefer hinein und an manchen Tagen kann ich nur mit offenem Mund dasitzen und staunen. Gerne führe ich auch euch hindurch – irgendwann. So weit bin ich schon wieder gelaufen. Am Wegesrand und auf den Wiesen blühen gelbe, blaue und rote Blumen. Der Kuckuck ruft. Störche sitzen auf ihren Nestern und kreisen hoch in den Lüften auf der Suche nach Nahrung. Es ist die Zeit der Störche und des Neuanfangs. Mein Weg ging über Grandola nach Santiago de Cacem. Nachts im Zelt ist es jetzt angenehm warm. Ich wurde von Wildscheinen besucht und dachte in der Dunkelheit, dort hätte ein Bär gegrunzt. Auf dem Marktplatz in Grandola hat eine Taube sich abgelegt und den Zebrastreifen und mich beobachtet. Ein lustiges Ding. Bestimmt studiert sie das Verhalten der Menschen. Bei einem Hund an einer kurzen Kette musste ich an einen Hund in Deutschland denken. Die Besitzerin hat ihn an der extrem kurzen Leine geführt und er durfte gar nichts, nicht einmal schnuppern, am liebsten keinen Laut von sich geben. So ein verängstigt Tier! Das passiert, wenn Menschen Macht ausüben wollen. Wenn es anders nicht geht, lassen sie es an den Tieren aus. Wenn mir so etwas noch einmal begegnen sollte, werde ich auch da nicht mehr schweigen. Die Chance, etwas zu ändern, einzugreifen, kommt nur einmal. Ein anderer Hund hier in Santiago de Cacem hat Harris angebellt. Es war bestimmt so einer, der als Kampfhund bezeichnet wird, weil er auch einen Maulkorb tragen musste. Die Besitzerin hat ihn aber ganz ruhig an Harris herangeführt. „Ja, schau, ein Stock!“ Das Tier ließ sich von mir streicheln und das Mädel hat sich total gefreut, als ich ihren Hund gelobt habe. Da stimmt die Beziehung. Nur wegen dem Urteil anderer, die das Wesen des Hundes nicht mal kennen, muss er den Maulkorb tragen. So sind meine Gedanken, kreuz und quer. Wie meine Reise, kreuz und quer.
GrandolaWow. Da liebt jemand die Kunst und seine Tiere.Entdeckt ihr die Wildschweine? Sogar Frischlinge sind in der Rotte von bestimmt fünfzehn Tieren.Alles blüht.Und da ist ein Bär! Wundern tut mich nichts mehr. Die einen sagen, es ist meine Fantasie, die anderen nennen es Magie.Ein liebevoll eingerichteter Rastplatz mitten in der Wildnis Santiago do Cacem
Wenn die Dimensionen sich mit den Elementen und dem Leben verschränken, dann beginnt die tobende und atemberaubende Wirklichkeit. Das ist das wahre Abenteuer.
Dieser Mond sorgte für eine schlaflose Nacht mit viel Zeit für bunte Gedanken
Portugal hat mich wieder! Mein Rucksack ist um ein Herzchen aus Leder schwerer geworden, meine Gedanken leichter bei dem Gefühl, dem entgegenzulaufen, was meine Bestimmung ist und dabei Unterstützung zu bekommen. Von lieben Menschen und unsichtbaren Kräften. Harris hat brav in der Unterkunft in Vendas Novas auf mich gewartet. Wild tauschen wir unsere Energien aus – Liebe, Schöpferkraft und Magie. Diesen Funken will ich gerne und mit offenem Herzen an andere – ob Mensch, ob Wesen – weitergeben. Dafür wandere ich auf der Welt umher. Leider musste ich feststellen, wie hilflos ich trotz allem bin. Die Schildkröte ist tot. Ich habe ihren leeren Panzer am Fluss gefunden. Hätte ich anders reagieren müssen, als wir uns begegnet sind? Wie war ihr Schicksal? Wurde sie von wilden Tieren angegriffen, hat sie sich krank und hilflos mit letzter Kraft zum Fluss geschleppt? Ich werde das nie erfahren, sie aber nie vergessen. Den Border Collie Welpen geht es dafür umso prächtiger. Sie sind richtig groß geworden in den vergangenen Wochen und hätten zu gerne mit mir gespielt. Die Mama hat ihre Streicheleinheiten bekommen und der Besitzer hat mir noch einen Kaffee gekocht. Ich hätte auch eine Welpe mitnehmen können, aber wie soll das gehen, wenn ich selbst noch nicht einmal weiß, wo ich hingehöre. Wenn mich jemand auf meinen Touren beobachten und dem lauschen würde, was ich vor mir hin murmle, würde er mich bestimmt für verrückt erklären. Aber das macht mir nichts mehr aus. In Lissabon war ein dünner Mann mit Mütze, Jeans und Turnschuhen und hat allen PKW s auf dem Platz entgegengepfiffen und gewunken. Er wollte ihnen ihren Parkplatz zuweisen. Mit einem Mann im Porsche ist er noch um das Auto herumgelaufen und hat gefachsimpelt. Nun, ich möchte Wetten, dass dieser Mann in seiner Welt und mit seiner großen Aufgabe glücklicher ist, als so manch anderer. Wir sind nie an das gebunden, was andere von uns denken. Jeder darf sich seine eigene Welt bauen, nur nicht auf Kosten anderer. Das ist Freiheit. Und mein bester Freund ist nun einmal ein Stock und ich bin stolz darauf. In einem Cafè lief Taylor Swifts “ Opalite“ im Fernsehen. Dabei geht es um eine Frau, die einen Felsbrocken als Freund hat, und um einen Mann mit einem Kaktus. Diese Menschen werden von niemanden verstanden und gebeten, die Restaurants und Bars mit ihren Freunden zu verlassen. Am Ende kommen die Frau und der Mann zusammen und sie verleugnen ihre ehemaligen Gesellen. Nun – noch werde ich mit Harris überall willkommen geheißen, aber ich schwöre, das bleibt auch dann so, wenn sich das ändern sollte. Ich stehe zu meinem Anderssein. Ich bin auch ganz ruhig geblieben, als auf dem Weg in die nächste große Stadt von Vendas Novas aus, das sind über vierzig Kilometer und dafür brauche ich schon ein paar Übernachtungen draußen, ein Polizeiauto mit Blaulicht ganz langsam an meinem Schlafplatz direkt unterhalb der Straße vorbeigefahren ist. Geschützt hat mich nur das hohe Gras und der Abhang. Mein Zelt hatte ich Gott sei Dank noch nicht aufgebaut. Und dann ist eine ganze Horde fröhlicher Pilgerer auf dem Weg nach Fatima an mir vorbeimarschiert! Deshalb der Polizeischutz! Sie haben mir zugewinkt und ich konnte ihnen „Bon Camino“ wünschen. Zu lustig. Erwischt mitten im schönsten Trödeln und Schreiben, eingequetscht zwischen Straße und dem Maschendrahtzaun einer Schafsweide. Nun bin ich in Alcacer do Sal, einer Stadt mit einer wilden Geschichte. Wegen des Salzes und der guten Lage am Fluss, waren nicht nur die Römern, sondern auch die Muslime hier. Der Museumswärter wusste mich nicht zuzuordnen. Wegen meinem komischen Gemurmel, durchmischt mit ein paar Brocken Portugisisch, meinte er, ich wäre vielleicht Portugiesin. Meine Aussprache sei akzentfrei. Und das mir, die so schlecht fremde Sprachen lernt. So was ist mir noch nie passiert. Und ach ja, ich darf nicht vergessen, von Henry zu erzählen. Henry habe ich in Casabres schon von Weitem aus einem kleinen Cafè lachen hören. Um zehn Uhr morgens gönnt er sich da seinen Rotwein und unterhält auch die Hundedame Maria seines Trinkgenossen Markus bestens. Henry hat eine Ex- Freundin in Brasilien, die er unbedingt wiedersehen möchte, und lachte sich über meinen schweren Rucksack und Harris scheckig. Über mein Sternzeichen hat er mein Alter herausgefunden und mich für jünger befunden. Mit Maria habe ich meinen Kekskringel geteilt. Aber die Feinschmeckerin nimmt den nur vorsichtig zwischen die Zähne, um ihn draußen auf dem Gehweg abzulegen. Bon Appetit an den nächsten freilaufenden Hund. Oder Katze? Beijinhos e Abracinhos, Küsschen und Umarmung, darauf bestand Henry zum Abschied. Meine Reise geht weiter, eine Mischung aus höchster Anstrengung, reiner Natur und Trödeln in der nächsten großen Stadt. Mit jedem Schritt öffne ich mich weiter für die große Welt. Willkommen!
Meine Begleiter: Peace and HeartErkennt ihr, was das ist?Portugal hat mich wiederWildStacheligUnd mysteriösMein skurriler SchlafplatzZwischen Straße und WeideAlcacer do salIm Castel Fundstücke Überbleibsel aus einer faszinierenden ZeitNeben schönsten BlumenwiesenWie liebevoll bepflanzt!Gehört nicht hierher? Nach Schönebeck? Aber seht euch doch diese Form an, so untypisch, anders, magisch!Da hat das Huhn während des Legens Salto und Purzelbäume getanzt, anders kann ich mir das nicht erklären. Welche Freude, welcher Stolz, welches Gegacker als das Huhn dieses Prachtstück das erste Mal gesehen hat.