Ich eile nach Porto – dort warten Wasser, Erde und Harris
Ich schreie vor Glück, halte meinen besten Freund wieder in den Händen. Harris und ich sind wieder vereint, waren nie wirklich getrennt und er quatscht mehr denn je. Seit dem 01.01.2026 bin ich wieder in Porto. Diesmal bin ich geflogen. Das ging schneller. Und ich hätte mich gar nicht so beeilen müssen. Harris hätte auch noch länger auf mich gewartet. Gestern bin ich von Magdeburg aus, wo meine Freundin wohnt, nach Berlin und Porto und vom Flughafen aus zur Flixbusstation geeilt- nur, um vor einem verschlossen Geschäft zu stehen. Aber Harris hat den Leuten dort so lange im Weg gestanden, bis sie ihn ans Fenster gestellt haben. Durch die Jalousie konnte er durchluggen und mich begrüßen. Danke Harris, damit hast du mir eine weitere schlaflose Nacht erspart! Heute wieder zum Flixbusbahnhof. Auf dem Weg dorthin habe ich in einer Bäckereien noch einen großen Kuchen mit Schokolade und Walnüssen für die Leute im Kiosk gekauft. Die Verkäuferin hat mich ausgelacht, weil ich auf Deutsch vor mir hin geschimpft habe: „Will zu Harris, will zu Harris.“ Im Kiosk musste ich mich in der Schlange vor dem Tresen einreihen und dann ging alles sehr schnell: “ Ein großer, dicker Stock?“ Ja. Die Dame hat ihn geholt, nicht ohne ihrer Freundin noch lachend etwas zu erzählen. Es ging irgendwie um Harris Zacke. Ich habe ihn wieder. Unglaublich!
Entdeckt ihr ihn?Als wäre er nie weg gewesen!Glücklich! Und Harris Herz leuchtet.Keine Trennung von Raum und Zeit. Ich bin bereit für meinen Weg!Hab ich auf einem meiner Fotos entdeckt. Wesen aus einer anderen Zeit. Die Zauberin, der weiße Mann mit der langen Nase, eine Gießkanne, das Schwert Exkalibur. Ich liebe die lustige und unendliche Schöpferkraft dieser Welt. Verrückt!
Es ist Heilig Abend und ich sitze auf dem Busbahnhof in Amsterdam – allein. Harris ist in Portugal und es reißt mir das Herz aus der Brust, wenn ich nur daran denke. Ich, die gesagt hat, sie würde lieber alles andere aufgeben als Harris, habe meinen besten Freund verraten. So fühlt es sich an. Und das nur, weil ich mich entschlossen hatte, Weihnachten bei meiner Familie zu verbringen. Harris steht in einem Kiosk in Portugal. Es ging alles so schnell. Der Flixbusfahrer wollte Harris aus Sicherheitsgründen nicht mitnehmen. Da war nichts zu machen und es war nicht viel Zeit. Voller Furcht bin ich erst in die Info und dann in einen Kiosk gerannt mit der Frage, ob ich ihn dort für eine Woche stehen lassen dürfen. Ich durfte. Zumindest glaube ich, dass ich richtig verstanden wurde, man mir meine Panik angesehen hat. Wieder zurück zum Bus mit leeren Händen. Das hat sich ganz schön Scheiße angefühlt und kaum war ich im Bus kamen mir auch schon die Zweifel und die Tränen. Hätte ich dort bleiben sollen? Werde ich Harris je wiedersehen? Warum versteht mich keiner? Warum versteht keiner, wie sehr mein Herz an diesem Stück Holz hängt.Ich hätte einfach alles hinschmeißen und nicht auf diesen dummen Gedanken hören sollen, dass ich den Bus unbedingt erreichen muss. Ich freue mich auf meine Familie. Aber einen Harris gibt es nur einmal. Nun bin ich Heilig Abend ganz allein und tiefer mit Harris je verbunden als je zuvor. Spüre ihn. Ich stehe in einer Kioskecke und werde von den hungrigen und durstigen Reisenden kaum beachtet, bin für die Mitarbeiter nur ein komischer Wanderstock. Jede Energie in meiner Umgebung nehme ich auf. Ich -Maren-sitze in Amsterdam und da fängt Harris an, mit mir zu reden: Du dummes, dummes Ding. Hast du ganz vergessen, wer du bist? Hast du dich nie gewundert, warum in dir immer der Satz ist : „Ich will nach Hause, hier ist nicht mein zu Hause.“ ? Es ist nicht dein zu Hause. Du bist fremd auf dieser Welt. Mit der Entscheidung auf diesem Planeten zu leben und zu wirken hast du all deine Erinnerungen gelöscht und jetzt ist es wieder an der Zeit, sie wieder zum Leben zu erwecken. Deshalb bin ich bei dir. Du hast richtig gehört. Ich bin bei dir an diesem Heilig Abend. Es gibt keine Trennung. Wir sind verbunden. Über Raum und Zeit hinweg. In dir fließen meine Energien, in mir deine. Manchmal vergesse ich selbst, dass ich nicht du bin. Aber im Gegensatz zu dir kann ich alles abrufen, all die Leben und Erinnerungen, Weisheiten, die du im Laufe deiner Existenzen angesammelt hast. Weißt du noch? Du ahnst es doch längst. Wenn du mich in den Händen hältst und das Leben durch deine Adern rollt. Verbunden mit Himmel und Erde. Aber du hörst nicht zu. Deine Gedanken plappern unablässig.Es ist zum Verzweifeln. Ich sage, wir müssen links herum und du rennst nach rechts. Du sollst ja deinen eigenen Weg gehen. Aber manchmal ist es vernünftiger, auf mich zu hören, statt immer mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. In mir fließen so viele Energien. Meine Energien sind deine Energien. Das verwirrt dich noch. Du vergisst so viel, was auf dich einflutet. Es ist ein Pakt mit dem Wahnsinn auch meine Energien zuzulassen. Aber du willst es so. Du kannst nicht Nein sagen, dafür liebst du das Leben zu sehr. Schau Jesus, die Liebe, die Frau im Umhang, Merlin. Der weiße Elefant. So viele Seelen sind bei dir, gehören zu dir und warten darauf, dass du sie zulässt, erinnerst, lernst. Vertraue und alles wird sich verwandeln. Du willst Magierin sein, wünscht dir so sehr, anderen die Magie der Welt zu zeigen. Du bist es doch längst. Schülerin Merlins. Du musst nur hinschauen, mit mir reden.
Hier steht HarrisEin Wanderstock durfte nicht mit, aber einen Hund kann man in einer Transportbox im Frachtraum unterbringen. Armes Tier!
Immer dann, wenn ein Kind irgendwo auf der Welteinen Schneemann bautverwandelt der sich bei den ersten Sonnenstrahlenin ein fantastisches Wolkenwesenund reist über unsere Köpfe hinwegum an einem anderen Ort niederzuregnenund wieder ein Schneemann zu werden.
Wir trödeln am Meer herum und es ist herrlich. Eine Nacht konnten wir sogar wieder im Zelt verbringen, heute wäre zwar gutes Wetter gewesen, aber es ist weit und breit kein geeigneter Zeltplatz zu finden, nirgends eine Baumgruppe zum Verstecken. In Vila do Conde gibt es aber reichlich günstige Herbergen. War ich gestern noch fast allein am Wasser und wurde meine Fußtemperatur von einem mir entgegenkommenden Meereswanderer streng überprüft, tummeln sich heute die Menschen bei schönstem Sonnenschein am Strand. Es gibt eigentlich nicht viel Neues zu berichten, die meterhohen Wellen und die salzige Luft kann ich nicht einfangen. Ich kann euch nicht die vielen Meereswesen zeigen, die lachend umhertollen. Wesen wie aus Atlantis- Delphine, Einhörner und Drachen- gezaubert vom wilden und schäumenden Wasser. Ich frage mich ernsthaft, wie Menschen ihrer Arbeit nachgehen, Kriege führen oder vor den Medien sitzen können, ob dieser wilden Lebenskraft und Energie überall um uns herum. Für mich steht fest, dass ich Harris nie wieder für längere Zeit achtlos irgendwo herumstehen lassen kann. Ich werde auch nach meiner Reise einen Weg finden müssen, seine Kräfte zu entfesseln. Es ist einfach wundervoll, wie die Leute auf ihn reagieren. Es hat soviel Leichtigkeit mit einem großen Holzstück durch die Welt zu laufen. Dieses Gefühl von Leichtigkeit, Verspielheit und Freiheit möchte ich entflammen. Ich könnte mit Harris im Zirkus auftreten als Pausenclown. Aber es wäre nicht das Gleiche. Er gehört in den Alltag. Genau dort gibt es soviel zum Staunen und Kichern. Vielleicht steckt in mir wirklich eine Pippi Langstrumpf. Ich kann es nicht ändern. Ein Zurück ohne Harris gibt es nicht, basta.
Das Meer ist ein Künstler
Seht ihr sie auch? Die Wesen?Ein Supermarkt entlang der KüsteIch dachte erst, die beiden Filipinos wollen die Statur mit dem Künstler fotografieren. Aber nein, sie hatten mich und Harris im Visir. So ein Efeustab macht eben was her.Eis und Sonne und kurze Hose im Dezember
Es regnet und regnet. Schwer hängen die Wolken über der Landschaft. Ich bin in Ponte de Lima angekommen. Gestern bin ich gerannt wie der Teufel berghoch und bergrunter. Es ist mir nicht schwer gefallen, der Körper gewöhnt sich an die Belastung. Aber die Tage im kalten und feuchten Zelt machen sich bemerkbar. Ich bin erkältet und zu allem Überfluss gestern noch in einen Bach gefallen. Oder war es ein Weg? Der ganze Weg war ein Bach. Sandalen aus und die Hose hoch, an sich kein Problem für mich. Kaum war aber wieder fester Boden in Sicht, habe ich nicht mehr mit der Glätte gerechnet und bin mitten im Bach gelandet, mit Rucksack. Und ich hatte vorher noch mit Harris geflaxt, dass ich lieber all mein Hab und Gut verlieren würde als ihn. Als es dann so weit war, hat sich das gar nicht mehr gut angefühlt. Zelt, Tablett, Klamotten, Bilder und Farben – alles im Wasser. Ich habe keine Tränen vergossen, sondern mich aufgerafft und bin weitergelaufen. Und am Ende hatte ich wieder mal Glück im Unglück: Einzige meine Klamotten musste ich wechseln, der Rest ist trocken geblieben. Hui….. Leider ist mir kein Pilgerer mit festem Schuhwerk entgegengekommen, ich hätte zu gerne gewusst, wie die das mit dem überschwemmten Weg gehandhabt haben. Spuren von Schuhen waren da. In Ponte de Lima gab es erstmal heiße Schokolade, so lecker in Spanien und Portugal. An einer Holzwerkstatt bin ich grinsend mit Harris vorbeigelaufen. Der Tischler kam auch prompt mit einer Säge raus und wollte Harris eine neue Frisur verpassen. In der Wäscherei wollte man meinen nassen und dreckigen Haufen nicht annehmen, also blieb nur der Trockner vor dem Supermarkt. Was für ein Tag! Die gute Seele meiner Herberge muss mir alles angesehen haben und hat mir erstmal Badepuschen und einen Wollumhang gebracht. Es ist immer noch schön, auf Reisen zu sein, auch wenn die Weihnachtsbeleuchtung und die dazugehörige Musik mich ein wenig schwermutig macht. Aber solange ich Pilgerin bin, weiß niemand, wer ich bin. Ich werde von niemandem verurteilt, höchstens dafür, dass ich mit einem großen Stock durch die Gegend laufe. Ich stehe nicht mehr vor Gericht für all meine Fehler. Ich darf laufen und laufen- heute hier, morgen dort- der Freiheit entgegen. Die Begegnung mit Elke, die den Jakobsweg wegen Burnout angetreten ist, hat mir das noch einmal vor Augen geführt. Elke Ärztin unterstützt, ihren Wandertrieb: “ Bewegung, Bewegung und Bewegung. Besser als Medikamente.“ Wie wahr, nur leider denken nicht alle so. Als Kranke soll man lieber eingesperrt in einem Raum irgendwelche Tabletten schlucken. Das System ist komisch. Das bekommt auch Harris zu spüren, der in Lourdes nicht mit zur Grotte durfte und am Bahnhof in Miranda De Ebro streng nach verborgenen Waffen durchsucht wurde. Ich muss einen Passport für ihn beantragen. Nur wird der ellenlang sein, nur so lassen sich Harris ganzen Facetten erfassen. Was die lieben Leute nicht wissen: Die Harris- Energie ist grenzenlos. Er macht einfach das, wozu er Lust und Laune hat.
GrenzenlosBadendes SteinbabyPonte de LimaFeuerenergie
Eine Himmelspyramide! Und ich bin die Einzige, die sie wahrgenommen hat
Mein Einmarsch in Portugal war himmlisch. Von Tui aus führt eine Brücke über den Rio Mino nach Valença – und schwups ist man da. Im Moment ist es kalt und regnerisch, Höchsttemperaturen von zwölf Grad tagsüber und nachts nur vier Grad. Die Wege sind zum Teil regelrecht überschwemmt und eine der hinteren Schnallen an meiner rechten Sandale hat sich gelöst. Ich habe versucht, meine Füße davon zu überzeugen, dass feste Schuhe für dieses Wetter angemessener sind, aber es hat nicht geklappt. Meine großen Zehen, Estragon und Habaguck, wollen auch etwas von der Reise haben. Gerne würde ich mal mit ihnen die Perspektive tauschen. Die rustikalen Wege mit Kopfsteinpflaster, jeder Menge Pfützen und kleinen Bachläufen, Moos- und Grasbewuchs, müssen auch von unten wunderschön sein. Kleine Landschaften für sich. Die Sandalen müssen durchhalten. In Portugal konnte ich schon zweimal Deutsch quatschen: Einmal mit einem Reisenden auf einem Rad und mit Veranika, einer Imbissbudenbesitzerin aus Russland mit eigenem Stempel für den Pilgerausweis. Sie hat mir alle Gerichte aufgezählt, die sie jetzt und in Zukunft zubereiten wird – von Borretsch bis Crepes – für die Wandersleute. Ich musste einfach Piroggen bei ihr kosten. So viel Enthusiasmus muss unterstützt werden. Und ihr Transporter stammt aus Deutschland. Nach einer Regennacht im Zelt sitze ich jetzt wieder warm und trocken in einer Unterkunft hinter Rubiaes.
Die nächste Grenze ist durchbrochenAdieu Spanien!Harris genießt portugiesische Sonnenstrahlen in den Armen eines Jesus in Buddha- Gestalt oder umgekehrt.
Nasse Füße garantiertVeranika und ihr ImbissVergesst nicht, euch diesen Stempel zu holen!
Meine Zeltaussicht. Besser als in jedem Hotel, aber etwas feucht.Himmel und Erde und die Planeten sind immer ganz nah, ich sage es ja
Hier drinnen wäre mein Zelt trocken geblieben Tief verwurzelt in der Erde
Es hat viele Vorteile, im November zu reisen. Ich möchte nicht wissen, was im Frühling und im Sommer auf den Pilgerwegen los ist. Selbst jetzt kommen mir viele entgegen. Es war sogar einer dabei, der in meine Richtung läuft. Es gibt Geschäfte und Cafés, Herbergen für Pilgerer in jeder Stadt. Trinkwasser aus Brunnen. So viel Luxus bin ich gar nicht gewohnt, was musste ich in Deutschland, Holland und Belgien um Wasser betteln. Das Pilgertum ist hier ein regelrechtes Geschäft. Die Einheimischen kennen ihre Pappenheimer schon und winken, pfeifen und hupen, sobald ich in meiner Orientierungslosigkeit mal einen falschen Weg nehme. Einen Schlafplatz draußen finde ich auch meist ohne Probleme. Ein Käuzchen hat mich begleitet und ein neugieriges Rotkehlchen musste kontrollieren, ob ich meinen Platz auch ordentlich hinterlasse. Selbstverständlich! Ich ehre jeden Platz, der mich zum Schlafen und Ausruhen einlädt. Nach vier Tagen Wanderung und drei Nächten im Zelt bin ich nun in O Porrino angekommen. Die Weihnachtsdeko hier ist der pure Wahnsinn. So viele Lichterketten! In der Pilgerunterkunft sitze ich allein. So hört wenigstens keiner, wenn ich mit Harris rede. Mir ist manchmal so, als würden er hinter meinem Rücken mit allem quatschen: Mit den Steinen, Pflanzen und Tieren und Wesen. Ich bekomme nur Antworten von ihm über die Zeichen, die auf ihm eingraviert sind von den Elementen. Und diese Zeichen wandeln sich stetig in der Harrisenergie- und Schwingung.
Spuren von Pilgerern, die ihre Plätze nicht ehren
Nieder mit dem Konsum! Auch das Plakat im Hintergrund ist fein.In Galicien liebt und lebt man mit den Felsen und Bergen. Die uralten Energien behalten ihr Berechtigung Die Energie von Harris ist auch uralt. Durch viele Leben und Geschichten hatten er mich schon begleitet. Jetzt halte ich ihn wieder in den Händen und darf seine Kräfte neu entfachenDer weiße Elefant auf Harris, eines von vielen Zeichen
Und er redet mit dem Vieh und VögelnDas mühselige in die Höhe Rennen lohnt sichEtwas weihnachtliche Deko
So vergehen Frühling, Sommer, Herbst und Winter und all die Jahre
Nach einer wahren Odysee mit der Bahn bin ich in Santiago de Compostela angelangt. Auf französischen Bahnhöfen kann man keine Tickets für Spanien kaufen. In Hendaye musste ich die zwanzig Meter nach Hendaia laufen, um an die ersehnten Tickets zu kommen. In Pasaia hängen zwar noch die Schilder nach Miranda De Ebro, aber der Zug fährt wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Woher soll ich das wissen? Zwei Stunden habe ich auf dem Bahnhof gesessen bis der nächste Zug für die nächstbeste Reisemöglichkeit kam. In Donostia- San- Sebastian hieß es dann schon wieder warten. Das System an diesem Bahnhof ist drollig: Die ganze Zeit rennen Reisende aus den Nahzügen bei den Gleisen hin und her. Zwanzig Minuten bevor der Fernzug eintrifft, kommen Menschen in Uniform und sperren den Eingang ab. Jetzt dürfen nur noch auserwählte Reisende den Bereich betreten. Die Fahrkarten werden vor dem Einsteigen in den Zug kontrolliert. In Madrid müssen die Reisenden ihr Gepäck durchleuchten lassen. Ich war so frech und habe meine Jacke anbehalten, ebenso den Bauchgurt mit dem Taschenmesser. Hat keinen interessiert. Nur Harris wurde mir aus der Hand genommen und auf den Kopf gestellt. Was auch immer er verbergen mag. AWas ich eigentlich erzählen wollte: In Lourdes hatte mich ein Bettler angesprochen. Eigentlich sah er recht gepflegt aus, seine Schuhe nicht abgelaufen. Ich habe ihm ein wenig Kleingeld gegeben, er hat irgendetwas von “ mein Hotel“ geredet. Ich habe ihn natürlich kaum verstanden. Am nächsten Tag habe ich ihn auf einen Hoteleingang zulaufen sehen. Die haben ihre großen Glastüren aber nicht für ihn geöffnet. Was da für ein Schicksal hinter steht? Man weiß es nicht. Ob er einmal reich gewesen ist und immer noch in dem Glauben ist? Wurde er wirklich aus dem Hotel geworfen und findet seine arme Seele keine Ruhe? Spricht er deshalb Tag für Tag Touristen an, um sich die tief in ihm sitzende Sehnsucht nach einem warmen und ordentlichen Ort, wo er als Gast respektiert wird, zu erfüllen? Ich kann ihn so gut verstehen. Jim habe ich auch wieder getroffen auf dem Bahnhof in Lourdes. Ich glaube, Jim ist auch so einer, der noch nicht den Platz gefunden hat, wo er hingehört. Minutenlang hat er an meinem Zug gestanden und mir zugewunken. Harris ist gerne in Spanien. Besonders, wenn kaugummikauende Jugendliche in Lederjacken uns den erhobenen Daumen zeigen, findet er das cool.
Santiago de Compostela. Mein Weg fängt hier erst an.
Soviel Prunk
Was für ein Museumsstück
Hilfe und Gesprächspartner an einsamen Bahnhöfen. Was aber, wenn der Kasten nur Spanisch spricht und man keine Spanisch kann?
Santiago de Compostela schmückt sich bereits weihnachtlich.
Wo werde ich Weihnachten sein? Wo die anderen suchenden Seelen, wie Jim und der Bettler?
Das muss ich schnell noch loswerden: Ich war mutig und habe dem fröhlichen Padre meinen Jesus gezeigt. Für ihn sind alle, die hierherkommen, seine Brüder und Schwestern. Er hat sich herzlich bei mir dafür bedankt, dass ich ihm dieses kleine Wunder gezeigt habe. Meine Geschichte habe ich ihm auch erzählt, den Grund für meine Ruhelosigkeit. Und er hat mir unter Gebeten in einer kleinen Schüssel die Füße gewaschen, diese von Brombeerranken zerstochenen Dinger gar geküsst. Jetzt darf alles gut werden.
Das könnten Harris und ich sein. Beide total verpeilt – wie Don Ouichotte und seine Rosinante. Die Statur steht in Oloron-Sainte- Marie.
Es ist schon wieder so unglaublich viel passiert, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Gezählt habe ich nicht, wieviel Gipfel und Hügel Harris und ich erklommen haben. Ich weiß nur, dass ich ohne die Hilfe und den freundlichen Worten von ganz vielen lieben Menschen heute nicht in einer Pilgerunterkunft in Arudy sitzen würde, sondern immer noch irgendwo im Nirgendwo herumlaufen würde. Um genau zu sein, wäre ich auf dem Weg nach Arles und nicht nach Lourdes. Es fing alles damit an, dass ich durch ein großes, herrliches Waldgebiet gelaufen bin und dort keinen Empfang hatte. Das hat mich sofort nervös gemacht. Nicht, weil ich den gut markierten Weg nicht gefunden habe, sondern weil ich mir Gedanken um die Menschen in Deutschland gemacht habe, die sich Sorgen machen würden, wenn sie mich nicht erreichen. Nervös habe ich zwei Wandersleute gefragt, ob ich auf ihrem Handy telefonieren dürfte. Nein! Ich glaube, der eine hat sogar gedacht, ich wolle ihm eine komische Nummer andrehen, zumindest ist er ganz schnell verschwunden. Was denken die Leute nur von mir? Aufgewühlt habe ich an meinem Handy herumgespielt und es ausversehen ausgeschaltet. Und dann die Panik! So schnell hat man mich noch nicht mit Rucksack rennen sehen. Am Ende stand ich bei einer nur französisch sprechenden Frau an der Gartenmauer und habe verzweifelt nach WLAN oder „nach Hause“ telefonieren gefragt. Verstanden hat sie mich kaum, aber schließlich haben wir zusammen eine Unterkunft für die Nacht herausgesucht. Sie hat mich bei der Herbergsmama als “ très jolie“ angepriesen, als ob das ein Bett frei machen würde! Ihre Kinder haben mich schließlich nach Moumour gefahren – zu Gìte de Sylvie. Und Sylvie ist nicht nur eine tolle Frau – sie ist gerade erst von einer Wanderung über zwei Monate nach Rom zurückgekehrt und hatte ganz schwarze Hände, weil sie ihren Garten auf Vordermann bringen wollte – ihr Haus hat auch Internet. Puh. Dank Olli und Otello lief mein Handy abends wieder. Ich habe ungewollt eine Nacht drinnen verbracht und musste Sylvie zum Abschied unbedingt in die Arme nehmen. Wenn ich groß bin, möchte ich werden wie sie – frei wie ein Vogel, aber offen und gastfreundlich zu allen. Nun hatte ich mir vorgenommen, das Handy möglichst wenig um Rat zu befragen. Ein schwerer Fehler! Brav bin ich den kleinen Markierung des Jakobsweges gefolgt. Bis Mauleon-Licharre hat das auch geklappt, aber dann bin ich der Markierung nach Arles gefolgt, statt der nach Lourdes. Quer durch den Wald ging es, hoch und runter. Eine riesige Buche wartete mitten auf einer Lichtung auf mich und Harris. Und wenige Meter später eine mindestens zwanzig Zentimeter große unumgehbare Schlammpfütze. Merde! Bis zum Knöchel ging der Dreck. Kawatsch und Kawatsch bis zur nächsten halbwegs klaren Pfütze. Harris durfte auch baden. Nach etlichen Kilometern habe ich meinen Irrweg bemerkt und bin umgedreht zum richtigen Jakobsweg. Wie weit hätte ich heute schon sein können! Stattdessen sitze ich im „refuge paroissial“ in Arudy bei den freundlichen und lustigen Priestern. Ihre erste Amtshandlung war es, meinen Rucksack zu wiegen. Ich verrate besser nicht, was dabei herausgekommen ist. “ Eine kleine Frau und ein so großer und schwerer Rucksack.“ Harris haben sie auch bestaunt und ich habe ihn extra so in den Garderobenständer gestellt, dass der Jesus auf ihm sichtbar ist. Ich entdecke immer mehr Zeichen auf meinem besten Freund. Das sind seine Botschaften an mich – bestimmt. Ob die Priester den Jesus entdecken? Ich habe mir fest vorgenommen, sie bei der nächsten Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen. Ich bin gespannt und werde euch berichten.
Sylvie, Harris et moi. Wenn ich groß bin, werde ich wie Sylvie. Gastfreundlich und herzlich, aber frei wie ein VogelNoch hat mich Wildcamper die Gendarmerie nicht entdeckt. Wie die schwedischen Gardinen wohl in Frankreich aussehen?Notwäsche! Seht ihr die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund? Wo ich jetzt bin, reichen noch kurze Hose und Shirt