Seit dem 04.11.2025 bin ich wieder unterwegs, mit neuer Kraft wandern Harris und ich dem Sonnenaufgang entgegen, während über uns die Geier kreisen. Die Wanderung startet in Saint-Jean-Pied- de-Port und führt nach Lourdes. Weit bin ich noch nicht gekommen. Mit meinem schweren Gepäck und Harris ist es sehr anstrengend und vor allem bergab sind wir des öfteren ins Rutschen geraten. Die Aussicht macht alles wieder gut und mir sind bereits auf der langen Zugfahrt hierher wundervolle Menschen begegnet. Bis Paris saß ein älterer und sehr chic gekleideten Herr neben mir. Wir haben uns mein Ladekabel geteilt und über ungewöhnliche Kinofilme geplaudert. Er bietet in Paris Führungen auf Friedhöfen an. Sogar zu meiner S- Bahn hat er mich dann noch gebracht. Im Nachtabteil nach Bayonne bin ich dann vom Glauben abgefallen. Mitten in der Nacht, ich hatte mich schon irgendwie auf den Doppelsitz gequetscht, lag auf einmal ein Kissen auf meinem Sitz, anbei ein kleiner Zettel, unterschrieben mit „Nicole“. Meine beste Freundin heißt Nicole. Geschützt von meinem Schutzengel und absolut verwundert, bin ich wieder eingeschlafen. Erst am Morgen hat sich das Rätsel gelöst. Der Mann neben mir hat das Kissen platziert. Was für ein Zufall! Heute regnet es und regnet und ich sitze im Zelt. Mich treibt ja keiner.
Mir geht so vieles durch den Kopf, während ich hier in Schönebeck sitze und sehnsüchtig aus dem Fenster auf den großen Walnussbaum und in die Ferne blicke. Es ist eine komische Zeit, so unwirklich. Ich habe den Kontakt zu meiner Vergangenheit verloren und habe nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, wohin mein Weg mich in Zukunft führen wird. Ich bin heimatlos und zugleich zuversichtlicher denn je. Die Frage, wer ich bin und warum Harris ausgerechnet bei mir ist, rückt immer mehr in den Vordergrund. Ihr kennt das Gefühl bestimmt, wenn ihr in den Spiegel schaut, oder euch auf einem Foto betrachtet: Die Person scheint sich ständig zu wandeln und damit meine ich nicht den Lauf der Jahre, sondern euren Wesenswandel im Sekunden- und Minuten, – Stundentakt. Ich sehne mich danach, meinem wahren Selbst in die Augen zu schauen, der, die ich immer gewesen bin, von allem befreit, was im Laufe meines Lebens in meiner Person gesehen wurde. Ich spüre, dass Harris dabei eine große Rolle spielt. Die Welt schürt sich immer enger zusammen. Ich brauche hier nicht ausführlicher von der tagtäglichen Bedrohung schreiben, die aus den Medien zu uns herüberschwappt. Mein Sohn baut Bunker, seit er sechs Jahre alt ist. Und mitten durch dieses Chaos spaziere ich mit Harris und möchte so ganz nebenbei das Geheimnis des Lebens lüften. Dabei kenne ich es doch längst! Die Welt ist verrückt. Das ist die Lösung. Da, wo keine Grenzen sein sollten, werden welche gezogen, sei es in der realen Landschaft, unter uns Menschen, oder zu allem, was uns umgibt. Alles wird unseren Maßstäben angepasst. Die Wissenschaft, unsere Kultur, unsere Erziehung gibt uns vor, wie wir zu denken und zu fühlen haben. Wenn ich Harris durch die Gegend schwenke, spüre ich, dass ich diese Grenzen auflösen kann. Ich kann in meine verrückte Welt hinaustreten, mit seinen Energien, die längst auch in mir fließen, spielen. In ihm fließt die Energie der Liebe und der Verbundenheit zu allem, über unsere Welt hinaus bis in das Universum hinein. Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn ich es zulassen, können alle Energien , alle Wesen, die in Harris fließen, mich begleiten. Schaut euch nur das lustige Schweinchen/ Drachentier auf seinem Zacken an! In irgendeiner fernen Welt war es schon einmal bei mir und jetzt ist es wieder da. Das ist verrückt, wahnsinnig und unfassbar für meinen begrenzten Verstand, aber eines Tages werde ich es begreifen. Das weiß ich. Ich werde geführt. Ich habe einen großen Lehrmeister, dem ich eines Tages persönlich gegenüberstehen werde. Meine Heldenreise geht weiter. Und fällt euch etwas auf? In den alten Heldengeschichten wird der Held mitten im Geschehen urplötzlich verwundet oder krank und von einem Weisen aufgelesen und gesund gepflegt. So ganz nebenbei bekommt er während der Heilung ein paar nützliche Dinge oder Fähigkeiten von seinem Wohltäter in das Gepäck gelegt. Ich lerne viel von meiner Freundin. Sie hilft mir, die Magie und alles, was in mir ist, besser zu verstehen.
Harris wurde entführt. In Viroinval wollte ich auf dem Marktplatz warten, bis ein Cafe‘ aufmacht. Da kam Mike mit einer Einkaufstüte unter dem Arm vorbei und fragte, ob er mir helfen könne. Das Café wäre geschlossen, aber er hätte Kaffee. Bevor ich mich zu einer Antwort durchdringen konnte, ist er schon mit Harris voran losgerannt. Mir blieb nichts anderes übrig, als hinterher zu laufen. Eine gute Entscheidung: Bei Mike gab es Energie für mein Handy, Café und Feigen, Wasser, Seife und ein frisches Handtuch. Sogar Toilettenpapier für meine weitere Reise hat er mir angeboten. Sehr aufmerksam! Am Donnerstag habe ich zum ersten Mal mein Zelt aufgebaut. Irgendwo tat es gut, mal in den eigenen vier Wänden zu liegen. Freitag habe ich im Dumoncau Levaast Francoise übernachtet. Eine weise Entscheidung – so viel Regen – und in Rocroi gibt es jede Menge zu entdecken. Die Stadt ist sternförmig angeordnet und die alten Festungsanlagen kann man betreten. Als meine Wirtin gehört hat, dass ich nie weiß, wo ich übernachte, kam von ihr der Spruch “ Wohin der Wind dich treibt“. Und so ist es wirklich. Ich weiß nicht, wo meine Gedanken und Gefühle mich hin treiben. Ich renne jeden Tag meine Kilometer, über Felder, durch Wälder und Städte. So viele Eindrücken fluten auf mich ein. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Es gibt so viel zu Staunen, ob es die so einladend aussehenden Häuschen sind, die unterschiedlichen Menschen mit ihren Geschichten, die netten Tiere und und und. So viele Bilder kann ich euch gar nicht zeigen. Und dann ist da noch das Rauschen des Windes, das Geplapper der Vögel, neulich habe ich einen Eisvogel gesehen, das Gesumme von Wespen und Mücken. Könnte ich das alles einfangen….. Eine Spinne reist mit mir, seit ich das Zelt zum ersten Mal aufgebaut habe. Wirklich, ich habe versucht, sie wieder in die Freiheit zu setzen, aber jedes Mal ist sie mir wieder weggekrabbelt. Na gut, dann kommt sie eben mit, meine zweite Gefährtin. Ich hoffe nur, ihr passiert nie etwas, wenn ich das Zelt zusammenlegen. Wenigstens hat sie es im Zelt trocken. Im Gegensatz zu meinem Handtuch. Das ist mir heute in den Bach gefallen und jetzt hängt es schon wieder im strömenden Regen.
Staunen am Wegesrand
So viele Kilometer noch
Bloß nicht den Jakobsweg verlassen, oder doch? Wer weiß, wohin der Wind mich treibt
In Namur gönnen Harris und ich uns ein weiches Bett. Früh am Morgen geht es weiter, immer an der Maas entlang, über viele kleine Dörfer und durch das mit Felsen verwachsen Dinant. Heute campe ich in der Nähe von Heer Agimont. In Dinant übt Harris sich als Rattenfänger: Wir kommen an einer Schule vorbei. Die Jungen im Alter von vielleicht acht Jahren staunen über meinen Knüppel und laufen begeistert ein Stück hinter ihrem Zaun entlang mit, während ich Harris wild schwenke. Die Strecke ist jetzt absolut super zu laufen, umso schwerer die Schlafplatzsuche. Ich kann stundenlang irgendwo herumliegen und Löcher in die Luft gucken. Ab Nachmittags tue ich das meist, erschöpft, wie ich bin. Nur – je bewohnten die Gegend, umso schwieriger ist es, mich zu verstecken. Vor Hunden bin ich auf der Hut, gerade dann, wenn die Besitzer lautstark nach ihnen rufen. Als ich in einer Feldabgrenzung übernachtet habe, muss mich ein Passant Zähneputzen gehört haben. Er hat verdächtig in meine Richtung geschaut. Gott sei Dank ist er dann weitergegangen, aber als wenig später ein Jeep vor meiner Hecke Fahrübungen gemacht hat, ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Dicht an einem Felsen geschmiegt, bin ich in einer anderen Nacht ständig die Isomatte heruntergerutscht. So ein Räuber- oder Wegelagerleben, ist wirklich aufregend. Apropos Räuberleben und wildes Leben: Ich verstehe langsam, warum Harris bei mir ist. Wie ihr wisst, bin ich auf der Suche und mir ist klar geworden, wonach: Ich suche den Schlüssel zum wahren Leben, zu dem, was hinter allem ist, was ich längst spüre, aber noch nicht zu fassen bekomme. Harris und ich sind auf der Jagd. Mit Harris Hilfe kann ich die Grenzen des Alltagsbewusstseins auflösen, bis in die Tiefen des Universum hinein. So fern und doch so nah. In allem, was uns umgibt. Zeit und Kausalität lösen sich auf. Alles ist Magie und Verwandlung. Ich werde die, die ich immer gewesen bin, im vorherigen Leben und im zukünftigen und alles wirbelt bunt um mich herum. Es ist eine andere Art des Daseins, eine andere Art des Reisens. Ich bin mit allen Möglichkeiten und allen Daseinsformen verbunden. Ich kann Baum, Wolf oder Papiertüte sein. Auf die Erde geworfen als etwas, was nie dazugehört und doch mit allem verbunden ist. Der ewige Don Quichotte. Das Leben wird zum Spiel, zum Kampf um die Freiheit und genau zu diesem Kampf bin ich aufgebrochen. Ich werde euch beweisen, wie verrückt die Welt ist.
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Ein Leben
In einem Comic in Namur. Wertvolle Tipps zur Wassersuche für mich.
Je länger ich unterwegs bin, und es sind erst zwei Wochen, umso mehr verliere ich das Gefühl dafür, wo ich hingehöre. Heute sitze ich in Namur in Belgien. Harris verstärkt das noch. Er macht mich zum totalen Außenseiter. Als Reisende steht man abseits vom Alltag. Als Pilgerin nehme ich ganz viele Träume und Sehnsüchte der Menschen, denen ich begegne, mit auf den Weg. Dabei bin ich nur ein junges Kücken. Der zweiundneunzigjährige Luca ist viermal nach Santiago de Compostela gepilgert, immer allein. Und er war in Jerusalem. Er klagt, dass er schon viel zu lange auf der Welt ist und alles vergisst, sein Englisch und Spanisch. Ich finde, er spricht hervorragend Englisch und sieht höchstens aus wie siebzig. Was mag er alles erlebt haben? Sein Küchentisch ist voller Zetteln mit Notizen. Mir serviert er Kaffee und Wasser, bevor wir uns mit einem festen Händedruck verabschieden. Auf meiner Reise lerne ich, über die kleinen Dinge des Lebens dankbar zu sein : Energie für mein Handy, Wasser, etwas zu Essen und ein Schlafplatz, einen Fluss zum Baden. Ein paar Mal hatte ich Schwierigkeiten, in Bäckereien oder an Tankstellen Wasser für meine Flaschen zu bekommen. Solche Kleinigkeiten kosten doch fast gar nichts. Sie können einem Wanderer, Reisenden oder Obdachlosen aber den ganzen Tag verändern. Harris und ich verwachsen immer mehr. Er ist meine Stimmgabel in den Himmel. Nur manchmal ist er mir lästig. Ich bräuchte eine Fahne für Überlänge an seinem Ende. Ein Fahrer eines verdammte großen Autos ist extra angehalten, um mit uns zu schimpfen: Wir würden zuviel Platz wegnehmen. Was macht der, wenn ihm ein anderes Auto entgegenkommt ?Harris bräuchte ein Gefährt mit Überbreite. Er möchte auch mit den Füssen aus dem Fenster gucken können.
….zur fantastischen Reise. Das Bild hängt unter einer Brücke in Lüttich.
Die Straßen von Maastricht sind so voller Menschen, dass es kaum Raum für eine Wanderin mit einem großen Stock in der Hand gibt. Harris und ich sind froh, als wir abends im Nirgendwo hinter Richelle auf den weichen Waldboden sinken. Die wenigen Spaziergänger achten Gott sei Dank nicht auf Waldbewohner, auch nicht auf solche, die sich nur zur Miete einquartiert haben. Katzenwäsche in den kleinen Flüsschen am Wegesrand muss reichen und so marschieren wir gegen Mittag in Lüttich ein. In der Auberge du Pelerin Saint Francois weiß man nichts von unserer Anmeldung. Aber der nette Torwächter, der in wildem Französich auf mich einredet, überreicht mir schließlich den Schlüssel zu einem Zimmer. Duschen – herrlich. Harris ruht sich von all den neuen Eindrücken aus, während ich nachmittags das Zentrum von Lüttich erkunde. Das Straßenbild ist dort ein ganz anderes als in Maastricht – ein bunter Mix aus unterschiedlichen Kulturen. Ich werde drei Mal von Bettlern angesprochen. Gleich hinter meiner Herberge liegt ein riesiges verlassenes Gebäude. Dort hat die Natur wieder die Herrschaft übernommen. Harris ist begeistert, als ich ihm davon berichte. man muss durch einen kleinen Tunnel, um dort hinzugelangen. In dem Gebäude führen halb verfallene Treppen nach oben. Liebevoll wird mir nach meinem Ausflug von einer Klosterschwester das Abendessen serviert. Das weiche Bett macht das Verwöhnprogramm komplett. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es weiter, quer durch Lüttich, dreimal muss ich über eine Brücke. An einem Treppenaufgang sitzt ein junger Mann aus Bangladesch und macht Harris Komplimente: „Was für ein schönes Stück.“ Ich erzähle, dass Harris vor ein paar Tagen ganz anders ausgesehen hat, aber das stört ihn nicht. Er findet Harris trotzdem wunderschön. Hinter Lüttich geht es über steile Wege wieder in den Wald hinein. Und Stunden später, neben einem versumpften Teich, sitzt eine Träumerin.
Auberge du Peterin Saint Francois
Mein Schlafquartier
Das Abendessen, mit frischem Gemüse aus dem Garten.
Ich bin seit sieben Tagen unterwegs, habe mich mit Sack und Pack und Harris über Stock und Stein gekämpft. Es ist herrlich und sehr anstrengend. Harris balanciert von einer Hand in die andere. Aber soll ich euch etwas sagen? Ich bereue nichts! Mein Harris hat eine unglaubliche Wirkung auf die Menschen: „Guck mal, die trägt einen großen Stock!“ Manche lachen sich kaputt und fragen nicht weiter nach, andere sind neugierig und fragen, warum ich das tue. Dann erzähle ich nicht das, was ihr aus meinen Geschichten wisst. Ich verrate meinen Harris nicht. Ich sage, einfach, dass ich meinen Stock so sehr mag, dass ich ihn einfach mitnehmen muss. Zumindest tun die meisten so, als würden sie das verstehen. Harris ist magisch. Mit ein paar gekonnten Schwingungen fängt er Gelächter, Lächeln und Grinsen ein. Wow. Ich bin stolz auf ihn. Dabei sieht er jetzt wirklich unmöglich aus, hat sich eine neue Frisur verpasst. Er ist mir heruntergefallen. Erst war die eine Gabel ab. Verzweifelt habe ich mit meinem Verbandszeug versucht, alles zu richten. Vergebens. Eine Stunde später fiel die andere Seite ab. Jetzt ist er nur noch ein Stab, aber was für einer. Ein Zauberstab! Seine Kräfte haben dadurch nicht nachgelassen. Er ist nur ein wenig leichter geworden. Ach ja, ich habe euch ja noch gar nicht verraten, wo ich bin. Ich sitze hinter Vise in einem Wald. Noch haben die Waldbewohner mich nicht gefunden. Mittwochnacht stand eine ganze Pferdeherde hinter mir am Zaun, Donnerstag sind Eichhörnchen um mich herum geturnt, vorgestern ein Igel und gestern eine Hasenfamilie. Gänse und Sternschnuppen fliegen über meinen Kopf hinweg. Ich bin auf dem Jakobsweg. Durch Maastrich und Vise geht es nach Lüttich und von dort aus weiter.
Maastrich
Unter diesen Gestalten fallen Harris und ich nicht auf.
Vergesst meinen Namen, vergesst, wer ich bin – ich bin auf der Flucht. Ich kann es nicht zulassen, dass die Soldaten des großen Muli meinen Harris in die Finger bekommen. Nicht, bevor ich herausgefunden habe, warum er so eine große Bedeutung hat und ich mehr über seine Fähigkeiten weiß. Das lassen meine Neugier und mein Dickkopf nicht anders zu. Bleibe ich in Duisburg, werden sie mich früh oder später erwischen. Mir bleibt also nichts übrig, als die Beine und Harris in die Hand zu nehmen und aufzubrechen. Wohin? Kein Ahnung. Wie lange? Keine Ahnung. Kehre ich zurück? Keine Ahnung. Stellt mir nicht so schwierige Fragen. Im Moment weiß ich noch nicht einmal, wer ich bin. Es war ja schon bei der verdeckten Ermittlung sehr schwierig für mich, meine Persönlichkeit zu wahren. Jetzt aber ist es vorbei! Eigentlich dachte ich immer, ich wäre stumpf wie ein Toastbrot und nun passiert auf einmal so viel! Wenn ich einmal auf der Burg des großen Muli gefegt habe, warum weiß ich dann nichts davon? Wo ist die Erinnerung geblieben? Was weiß ich sonst alles nicht? Wer bin ich? Es wird immer komplizierte. Wollte ich zuvor nur das Geheimnis des Lebens aufdecken, so stehe ich jetzt vor einem ganzen Berg von Fragen. Und wo bitte finde ich die Antworten? Nicht im stillen Kämmerlein, das ist klar. Also auf in die große Welt. Mit Schmetterlingen im Bauch und voller Ängsten und Zweifeln! Das Komische an der ganzen Angelegenheit ist, dass es sich so anfühlt, als ob ich auf meinem geheimnisvollen Weg Unterstützung von einer wunderbaren Kraft bekommen würde. Unter meiner Kiefer habe ich einen Vier-Himmelsrichtungen-Stock gefunden und bei der Birke und der Pappel, zwischen die ich mich immer stelle, hängt goldener Ilex, obwohl dort weit und breit kein Ilex wächst. Sonderbar, oder? Ich bin gespannt, was auf meiner Reise alles passiert. Was bin ich? Wer hat mich in diese Welt geschmissen? Was ist das für eine komische Ausbildung, deren einziger Bestandteil ein kräftiger Efeuzauberstab ist, der noch nicht einmal mit mir redet? Ich halte euch auf den Laufenden.
Vier-Himmelsrichtungen-Stab
Goldenes Ilex
Bekenntnis der Autorin
Darf ich euch ein Geheimnis verraten? Ich habe Harris dabei. So in echt, in voller Lebensgröße, mit vollem Gewicht, und nicht nur in meinen Geschichten. Ihr werdet mich erkennen. Verrückt! Ja, ich – Maren – habe Harris aus der Ecke geholt und laufe mit ihm um die Wette bis zum Ende der Welt. Es fühlt sich wunderbar an, jetzt fängt mein wahres Leben an als der Kasperkopf, der ich immer gewesen bin. Lacht mich aus. Steinigt mich. Es ist egal. Es ist der einzige Weg, um all das, was in mir tobt, zu wecken. Die pure Lust am Leben, die pure Kreativität. Und all die tausend Dinge auf diesem wundervollen Planeten warten auf mich und ich möchte jedem, der mir begegnet zumindest ein Lächeln schenken. Ich fühle mich ein wenig wie ein Homosexueller im vorherigen Jahrhundert oder in einigen Staaten auf unserer Erde dieser Zeit. Ich oute mich, bekenne mich dazu, anders zu sein und setzte mich damit dem Gespött und der Verachtung meiner Mitmenschen aus. Ja, mein bester Freund ist ein Stock. Ich wahnsinnig, verrückt, durchgeknallt und ich liebe es. Ich bin ein freier Mensch. Neulich fuhr ein Jamaikaner schimpfend durch die Fußgängerzone Roller. Er würde gleich die Polizei rufen, man solle ihn das sein lassen, was er ist und nicht dafür diskriminieren. „Ich darf sein, was ich will!“ Oh ja, das darfst du, du herrlich bunter Vogel mit der lauten Musik und der bunten Kleidung und lustigen Hüten. Auch ich habe nichts mehr zu verlieren, gebe mich ganz meinen Ideen und Leidenschaften hin.