Es hat viele Vorteile, im November zu reisen. Ich möchte nicht wissen, was im Frühling und im Sommer auf den Pilgerwegen los ist. Selbst jetzt kommen mir viele entgegen. Es war sogar einer dabei, der in meine Richtung läuft. Es gibt Geschäfte und Cafés, Herbergen für Pilgerer in jeder Stadt. Trinkwasser aus Brunnen. So viel Luxus bin ich gar nicht gewohnt, was musste ich in Deutschland, Holland und Belgien um Wasser betteln. Das Pilgertum ist hier ein regelrechtes Geschäft. Die Einheimischen kennen ihre Pappenheimer schon und winken, pfeifen und hupen, sobald ich in meiner Orientierungslosigkeit mal einen falschen Weg nehme. Einen Schlafplatz draußen finde ich auch meist ohne Probleme. Ein Käuzchen hat mich begleitet und ein neugieriges Rotkehlchen musste kontrollieren, ob ich meinen Platz auch ordentlich hinterlasse. Selbstverständlich! Ich ehre jeden Platz, der mich zum Schlafen und Ausruhen einlädt. Nach vier Tagen Wanderung und drei Nächten im Zelt bin ich nun in O Porrino angekommen. Die Weihnachtsdeko hier ist der pure Wahnsinn. So viele Lichterketten! In der Pilgerunterkunft sitze ich allein. So hört wenigstens keiner, wenn ich mit Harris rede. Mir ist manchmal so, als würden er hinter meinem Rücken mit allem quatschen: Mit den Steinen, Pflanzen und Tieren und Wesen. Ich bekomme nur Antworten von ihm über die Zeichen, die auf ihm eingraviert sind von den Elementen. Und diese Zeichen wandeln sich stetig in der Harrisenergie- und Schwingung.
Spuren von Pilgerern, die ihre Plätze nicht ehren
Nieder mit dem Konsum! Auch das Plakat im Hintergrund ist fein.In Galicien liebt und lebt man mit den Felsen und Bergen. Die uralten Energien behalten ihr Berechtigung Die Energie von Harris ist auch uralt. Durch viele Leben und Geschichten hatten er mich schon begleitet. Jetzt halte ich ihn wieder in den Händen und darf seine Kräfte neu entfachenDer weiße Elefant auf Harris, eines von vielen Zeichen
Und er redet mit dem Vieh und VögelnDas mühselige in die Höhe Rennen lohnt sichEtwas weihnachtliche Deko
Von Santiago de Compostela über Padron bis nach Caldas de Reis habe ich drei Tage gebraucht mit zwei Übernachtungen im Zelt. Die letzte Nacht war richtig kalt bei nur drei Grad. Das feuchte Zelt zusammenzulegen ist früh am Morgen nichts für meine kälteempfindlichen Hände. Durchgefroren bin ich in Caldas de Reis in der Herberge angekommen und habe erstenmal die Dusche gestürmt. Heute ist Ruhetag. Es regnet. Aber was soll ich sagen: Ich bin schon wieder kribbelig auf die Weiterreise. Draußen und in der Natur ist es einfach am Schönsten und es liegen überall so viele Esskastanien in den Wäldern, dass ich meine Nusstüte noch nicht abbrechen musste. Und es gibt Orangen- Zitronen- und Eukalyptusbäume. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben unter einem Eukalyptusbaum geschlafen. Die Wege sind deutlich einfacher zu laufen als die nach Lourdes. Selbst zu dieser Jahreszeit sind noch viele Pilgerer unterwegs und ich wurde schon darauf aufmerksam gemacht, dass ich in die falsche Richtung laufen. Nein- ich will keine Pilgerurkunde in Santiago de Compostela. Ich will in den Süden. Meine großen Wanderschuhe hängen bisher immer noch unbenutzt am Rucksack. Von mir aus kann das die ganze Reise über so bleiben, ich fliehe vor der Kälte. Die Zeit heute habe ich zum Malen genutzt. Mir fällt es noch schwer, das, was in mir vorgeht, mit Worten auszudrücken. Schaut es euch selbst an. Gerade die, die mich mit meinem Harris immer noch nicht ernst nehmen!
Stellt euch vor, eine riesige Flutwelle überschwemmt die Welt.Eine vollkommen neue Welt entspringt, aber keiner nimmt das wahrIch muss beweisen, dass die Welt verrückt istUnd werde zum Fremdenführer durch die neue Welt
Ländliche Idylle mit Orangen und Kakteen Überall Pilgerer
So vergehen Frühling, Sommer, Herbst und Winter und all die Jahre
Nach einer wahren Odysee mit der Bahn bin ich in Santiago de Compostela angelangt. Auf französischen Bahnhöfen kann man keine Tickets für Spanien kaufen. In Hendaye musste ich die zwanzig Meter nach Hendaia laufen, um an die ersehnten Tickets zu kommen. In Pasaia hängen zwar noch die Schilder nach Miranda De Ebro, aber der Zug fährt wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Woher soll ich das wissen? Zwei Stunden habe ich auf dem Bahnhof gesessen bis der nächste Zug für die nächstbeste Reisemöglichkeit kam. In Donostia- San- Sebastian hieß es dann schon wieder warten. Das System an diesem Bahnhof ist drollig: Die ganze Zeit rennen Reisende aus den Nahzügen bei den Gleisen hin und her. Zwanzig Minuten bevor der Fernzug eintrifft, kommen Menschen in Uniform und sperren den Eingang ab. Jetzt dürfen nur noch auserwählte Reisende den Bereich betreten. Die Fahrkarten werden vor dem Einsteigen in den Zug kontrolliert. In Madrid müssen die Reisenden ihr Gepäck durchleuchten lassen. Ich war so frech und habe meine Jacke anbehalten, ebenso den Bauchgurt mit dem Taschenmesser. Hat keinen interessiert. Nur Harris wurde mir aus der Hand genommen und auf den Kopf gestellt. Was auch immer er verbergen mag. AWas ich eigentlich erzählen wollte: In Lourdes hatte mich ein Bettler angesprochen. Eigentlich sah er recht gepflegt aus, seine Schuhe nicht abgelaufen. Ich habe ihm ein wenig Kleingeld gegeben, er hat irgendetwas von “ mein Hotel“ geredet. Ich habe ihn natürlich kaum verstanden. Am nächsten Tag habe ich ihn auf einen Hoteleingang zulaufen sehen. Die haben ihre großen Glastüren aber nicht für ihn geöffnet. Was da für ein Schicksal hinter steht? Man weiß es nicht. Ob er einmal reich gewesen ist und immer noch in dem Glauben ist? Wurde er wirklich aus dem Hotel geworfen und findet seine arme Seele keine Ruhe? Spricht er deshalb Tag für Tag Touristen an, um sich die tief in ihm sitzende Sehnsucht nach einem warmen und ordentlichen Ort, wo er als Gast respektiert wird, zu erfüllen? Ich kann ihn so gut verstehen. Jim habe ich auch wieder getroffen auf dem Bahnhof in Lourdes. Ich glaube, Jim ist auch so einer, der noch nicht den Platz gefunden hat, wo er hingehört. Minutenlang hat er an meinem Zug gestanden und mir zugewunken. Harris ist gerne in Spanien. Besonders, wenn kaugummikauende Jugendliche in Lederjacken uns den erhobenen Daumen zeigen, findet er das cool.
Santiago de Compostela. Mein Weg fängt hier erst an.
Soviel Prunk
Was für ein Museumsstück
Hilfe und Gesprächspartner an einsamen Bahnhöfen. Was aber, wenn der Kasten nur Spanisch spricht und man keine Spanisch kann?
Santiago de Compostela schmückt sich bereits weihnachtlich.
Wo werde ich Weihnachten sein? Wo die anderen suchenden Seelen, wie Jim und der Bettler?
Ich bin nach Lourdes geeilt. Das Wetter soll schlechter werden und der erste Frost kündigt sich an. Bereits bei Temperaturen um die sieben Grad muss ich meine Nasenspitze mit in den Schlafsack einpacken. Lourdes ist ein wahrer Schock für mich Einsiedler. Selbst im November und obwohl viele Läden bereits geschlossen haben, brummt das Geschäft mit den Andenken – von Kreuzen, Kerzen, Statuen bis hin zu Uhren mit schwingenden Pendeln. Und überall Gläubige aus aller Welt. In der Pizzeria saßen neben mir zwei Deutsche, einer davon Theologiestudent. Warum er vor ein paar Jahren plötzlich tief gläubig geworden ist, wollte er mir nicht verraten. Der Engländer Jim mit dem Rauschebart und den glänzenden Augen bestaunt die Harris- Energie. Das ist übrigens ein Ding: Harris durfte weder in die Kathedrale noch mit zur Grotte. Der Sicherheitsdienst wollte sogar meinen Rucksack filzen. In meiner Unterkunft darf man in den Zimmern nichts essen und der Wirt ist deutlich überfordert mit seinen Gästen. Hier gibt es mehr Hausregeln als im Internat. Sogar die Aufforderung, das Klo nach dem großen Geschäft ordentlich zu hinterlassen, fehlt nicht. Ein Grund mehr für mich, um morgen wieder aufzubrechen. Meine Sonnenmilch habe ich in den Tiefen meines Rucksackes auch wiedergefunden. Wenn das keine Aufforderung ist, in den Süden zu reisen.
Ich habe in Lourdes viele Tränen und Gebete fließen lassen. Wieder und wieder wird mir meine Irrfahrt bewusst. Ich habe wirklich keine Ahnung, wohin die Reise geht und ob ich je den Ort finden werde, an dem ich bleiben möchte. Für mich heißt gläubig sein nicht, Verantwortung abzugeben, sondern immer Gegenteil Verantwortung für seine Handlungen und sein Leben zu übernehmen. Das ist nicht immer leicht. Gerade dann nicht, wenn man so viel spürt wie ich und das auch weitergeben möchte. Es ist eine große Ehre für mich, dass mein baguette magic, mein Zauberstab Harris, seinen Weg zu mir gefunden hat. Morgen reise ich mit dem Zug Richtung Madrid, dann nach Santiago de Compostela. Der Jakobsweg durch Portugal wartet auf mich. Frankreich verlasse ich ein wenig wehmütig. Noch nie im Leben habe ich soviel Komplimente bekommen wie hier. Auch den jungen, wehmütigen Spanier, der Nietzsche gelesen hat und mit den Vögel redet, werde ich nie vergessen.
Touristenrummel
Maria-Empfängnis- Basilika
Die heilige GrotteGroße Kunst
Menschen aus allen Ländern treffen sich hier. Gefunden auf einer GebetsbankKleine Kunst
Gelber Mohn im November. Das kleine, unbemerkte Wunder am Wegesrand
Das muss ich schnell noch loswerden: Ich war mutig und habe dem fröhlichen Padre meinen Jesus gezeigt. Für ihn sind alle, die hierherkommen, seine Brüder und Schwestern. Er hat sich herzlich bei mir dafür bedankt, dass ich ihm dieses kleine Wunder gezeigt habe. Meine Geschichte habe ich ihm auch erzählt, den Grund für meine Ruhelosigkeit. Und er hat mir unter Gebeten in einer kleinen Schüssel die Füße gewaschen, diese von Brombeerranken zerstochenen Dinger gar geküsst. Jetzt darf alles gut werden.
Das könnten Harris und ich sein. Beide total verpeilt – wie Don Ouichotte und seine Rosinante. Die Statur steht in Oloron-Sainte- Marie.
Es ist schon wieder so unglaublich viel passiert, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Gezählt habe ich nicht, wieviel Gipfel und Hügel Harris und ich erklommen haben. Ich weiß nur, dass ich ohne die Hilfe und den freundlichen Worten von ganz vielen lieben Menschen heute nicht in einer Pilgerunterkunft in Arudy sitzen würde, sondern immer noch irgendwo im Nirgendwo herumlaufen würde. Um genau zu sein, wäre ich auf dem Weg nach Arles und nicht nach Lourdes. Es fing alles damit an, dass ich durch ein großes, herrliches Waldgebiet gelaufen bin und dort keinen Empfang hatte. Das hat mich sofort nervös gemacht. Nicht, weil ich den gut markierten Weg nicht gefunden habe, sondern weil ich mir Gedanken um die Menschen in Deutschland gemacht habe, die sich Sorgen machen würden, wenn sie mich nicht erreichen. Nervös habe ich zwei Wandersleute gefragt, ob ich auf ihrem Handy telefonieren dürfte. Nein! Ich glaube, der eine hat sogar gedacht, ich wolle ihm eine komische Nummer andrehen, zumindest ist er ganz schnell verschwunden. Was denken die Leute nur von mir? Aufgewühlt habe ich an meinem Handy herumgespielt und es ausversehen ausgeschaltet. Und dann die Panik! So schnell hat man mich noch nicht mit Rucksack rennen sehen. Am Ende stand ich bei einer nur französisch sprechenden Frau an der Gartenmauer und habe verzweifelt nach WLAN oder „nach Hause“ telefonieren gefragt. Verstanden hat sie mich kaum, aber schließlich haben wir zusammen eine Unterkunft für die Nacht herausgesucht. Sie hat mich bei der Herbergsmama als “ très jolie“ angepriesen, als ob das ein Bett frei machen würde! Ihre Kinder haben mich schließlich nach Moumour gefahren – zu Gìte de Sylvie. Und Sylvie ist nicht nur eine tolle Frau – sie ist gerade erst von einer Wanderung über zwei Monate nach Rom zurückgekehrt und hatte ganz schwarze Hände, weil sie ihren Garten auf Vordermann bringen wollte – ihr Haus hat auch Internet. Puh. Dank Olli und Otello lief mein Handy abends wieder. Ich habe ungewollt eine Nacht drinnen verbracht und musste Sylvie zum Abschied unbedingt in die Arme nehmen. Wenn ich groß bin, möchte ich werden wie sie – frei wie ein Vogel, aber offen und gastfreundlich zu allen. Nun hatte ich mir vorgenommen, das Handy möglichst wenig um Rat zu befragen. Ein schwerer Fehler! Brav bin ich den kleinen Markierung des Jakobsweges gefolgt. Bis Mauleon-Licharre hat das auch geklappt, aber dann bin ich der Markierung nach Arles gefolgt, statt der nach Lourdes. Quer durch den Wald ging es, hoch und runter. Eine riesige Buche wartete mitten auf einer Lichtung auf mich und Harris. Und wenige Meter später eine mindestens zwanzig Zentimeter große unumgehbare Schlammpfütze. Merde! Bis zum Knöchel ging der Dreck. Kawatsch und Kawatsch bis zur nächsten halbwegs klaren Pfütze. Harris durfte auch baden. Nach etlichen Kilometern habe ich meinen Irrweg bemerkt und bin umgedreht zum richtigen Jakobsweg. Wie weit hätte ich heute schon sein können! Stattdessen sitze ich im „refuge paroissial“ in Arudy bei den freundlichen und lustigen Priestern. Ihre erste Amtshandlung war es, meinen Rucksack zu wiegen. Ich verrate besser nicht, was dabei herausgekommen ist. “ Eine kleine Frau und ein so großer und schwerer Rucksack.“ Harris haben sie auch bestaunt und ich habe ihn extra so in den Garderobenständer gestellt, dass der Jesus auf ihm sichtbar ist. Ich entdecke immer mehr Zeichen auf meinem besten Freund. Das sind seine Botschaften an mich – bestimmt. Ob die Priester den Jesus entdecken? Ich habe mir fest vorgenommen, sie bei der nächsten Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen. Ich bin gespannt und werde euch berichten.
Sylvie, Harris et moi. Wenn ich groß bin, werde ich wie Sylvie. Gastfreundlich und herzlich, aber frei wie ein VogelNoch hat mich Wildcamper die Gendarmerie nicht entdeckt. Wie die schwedischen Gardinen wohl in Frankreich aussehen?Notwäsche! Seht ihr die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund? Wo ich jetzt bin, reichen noch kurze Hose und Shirt
Seit dem 04.11.2025 bin ich wieder unterwegs, mit neuer Kraft wandern Harris und ich dem Sonnenaufgang entgegen, während über uns die Geier kreisen. Die Wanderung startet in Saint-Jean-Pied- de-Port und führt nach Lourdes. Weit bin ich noch nicht gekommen. Mit meinem schweren Gepäck und Harris ist es sehr anstrengend und vor allem bergab sind wir des öfteren ins Rutschen geraten. Die Aussicht macht alles wieder gut und mir sind bereits auf der langen Zugfahrt hierher wundervolle Menschen begegnet. Bis Paris saß ein älterer und sehr chic gekleideten Herr neben mir. Wir haben uns mein Ladekabel geteilt und über ungewöhnliche Kinofilme geplaudert. Er bietet in Paris Führungen auf Friedhöfen an. Sogar zu meiner S- Bahn hat er mich dann noch gebracht. Im Nachtabteil nach Bayonne bin ich dann vom Glauben abgefallen. Mitten in der Nacht, ich hatte mich schon irgendwie auf den Doppelsitz gequetscht, lag auf einmal ein Kissen auf meinem Sitz, anbei ein kleiner Zettel, unterschrieben mit „Nicole“. Meine beste Freundin heißt Nicole. Geschützt von meinem Schutzengel und absolut verwundert, bin ich wieder eingeschlafen. Erst am Morgen hat sich das Rätsel gelöst. Der Mann neben mir hat das Kissen platziert. Was für ein Zufall! Heute regnet es und regnet und ich sitze im Zelt. Mich treibt ja keiner.
Danke an die Schönebecker Straßenbauer für die Inspirationen
Das Zugticket ist gebucht. Die Zeit in Schönebeck ist eine wahre Geduldsprobe für mich, aber es lässt sich in jeder Lebenslage etwas Inspirierendes finden, selbst auf dem Asphalt. Und ich komme mehr und mehr in das Vertrauen, dass Harris mich dahin führen wird, wo ich gebraucht werde. Es ist unglaublich, was passiert, wenn ich auf meine Intention, meine inneren Bilder und meine Nasenspitze höre. So habe ich hier Seelenbilder für mir ganz unbekannte Menschen gemalt. Die Bilder waren einfach da. Ein Fliegenpilz für eine Pilzsammlerin, um ein Beispiel zu nennen. Das ist crazy. Und wenn ich diesen Gedanken jetzt weiterspinne und mich auch auf meiner Reise auf diese innere Stimme höre, was passiert dann? Wow!
Im absoluten VertrauenWer sagt, dass ich allein bin, wenn ich auf meinen Reisen bin? Schaut selbst, wen ich auf einem meiner Fotos aus den Wäldern Frankreichs entdeckt habe! Welch ein Gesell! Der achtet genauso wenig auf seinen Kleidungsstil wie ich.
Mir geht so vieles durch den Kopf, während ich hier in Schönebeck sitze und sehnsüchtig aus dem Fenster auf den großen Walnussbaum und in die Ferne blicke. Es ist eine komische Zeit, so unwirklich. Ich habe den Kontakt zu meiner Vergangenheit verloren und habe nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, wohin mein Weg mich in Zukunft führen wird. Ich bin heimatlos und zugleich zuversichtlicher denn je. Die Frage, wer ich bin und warum Harris ausgerechnet bei mir ist, rückt immer mehr in den Vordergrund. Ihr kennt das Gefühl bestimmt, wenn ihr in den Spiegel schaut, oder euch auf einem Foto betrachtet: Die Person scheint sich ständig zu wandeln und damit meine ich nicht den Lauf der Jahre, sondern euren Wesenswandel im Sekunden- und Minuten, – Stundentakt. Ich sehne mich danach, meinem wahren Selbst in die Augen zu schauen, der, die ich immer gewesen bin, von allem befreit, was im Laufe meines Lebens in meiner Person gesehen wurde. Ich spüre, dass Harris dabei eine große Rolle spielt. Die Welt schürt sich immer enger zusammen. Ich brauche hier nicht ausführlicher von der tagtäglichen Bedrohung schreiben, die aus den Medien zu uns herüberschwappt. Mein Sohn baut Bunker, seit er sechs Jahre alt ist. Und mitten durch dieses Chaos spaziere ich mit Harris und möchte so ganz nebenbei das Geheimnis des Lebens lüften. Dabei kenne ich es doch längst! Die Welt ist verrückt. Das ist die Lösung. Da, wo keine Grenzen sein sollten, werden welche gezogen, sei es in der realen Landschaft, unter uns Menschen, oder zu allem, was uns umgibt. Alles wird unseren Maßstäben angepasst. Die Wissenschaft, unsere Kultur, unsere Erziehung gibt uns vor, wie wir zu denken und zu fühlen haben. Wenn ich Harris durch die Gegend schwenke, spüre ich, dass ich diese Grenzen auflösen kann. Ich kann in meine verrückte Welt hinaustreten, mit seinen Energien, die längst auch in mir fließen, spielen. In ihm fließt die Energie der Liebe und der Verbundenheit zu allem, über unsere Welt hinaus bis in das Universum hinein. Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn ich es zulassen, können alle Energien , alle Wesen, die in Harris fließen, mich begleiten. Schaut euch nur das lustige Schweinchen/ Drachentier auf seinem Zacken an! In irgendeiner fernen Welt war es schon einmal bei mir und jetzt ist es wieder da. Das ist verrückt, wahnsinnig und unfassbar für meinen begrenzten Verstand, aber eines Tages werde ich es begreifen. Das weiß ich. Ich werde geführt. Ich habe einen großen Lehrmeister, dem ich eines Tages persönlich gegenüberstehen werde. Meine Heldenreise geht weiter. Und fällt euch etwas auf? In den alten Heldengeschichten wird der Held mitten im Geschehen urplötzlich verwundet oder krank und von einem Weisen aufgelesen und gesund gepflegt. So ganz nebenbei bekommt er während der Heilung ein paar nützliche Dinge oder Fähigkeiten von seinem Wohltäter in das Gepäck gelegt. Ich lerne viel von meiner Freundin. Sie hilft mir, die Magie und alles, was in mir ist, besser zu verstehen.