Fantastische Reise mit Adlern und Drachen

Ich vergesse manchmal, wie lange ich von wo aus unterwegs war und was ich wann erlebt habe. Es ist so viel, was täglich auf mich einflutet. Der letzte Beitrag ist lange her. Coimbra habe ich vor einer Woche verlassen und bin erst in Alvaiazere, bleibe hier für ein paar Tage, weil ich auf ein Paket aus Deutschland warte. Auch in der Herberge Coimbra durfte ich mich mit einer festen Umarmung verabschieden: Kathryn kommt aus den USA und ist für ein paar Wochen in Portugal unterwegs. Sie ist manchmal von den vielen Reizen genauso müde wie ich, versteht nicht, warum einige ihrer Freunde Trump gewählt haben, ist Idealistin durch und durch, vermisst ihre fünfzehn Katzen und ist in Coimbra mit dem Bus auf die Suche nach Wolle gefahren. Abends hat sie mir ihre Beute zwischen den Hochbetten gezeigt. Regenbogenfarbene Wolle für Socken, drei Knäuel Garn und ganz ganz viele Knöpfe in allen Farben und natürlich auch in Katzenform. Sie hat mir von Kaffe Fassett erzählt, einem Textilkünstler, der gezielt kontrastreiche Farben nebeneinanderstellt, um damit Betrachter auf lebendige Weise anzuregen. Von ihm hat Kathryn das Sehen gelernt, erzählt sie. Meine Farbtuben findet sie toll und ich hätte gerne mit ihr in der bunten Wolle im Laden gestöbert. Aber meine Reise geht weiter. Auf dem Weg liegt Conimbraga mit der Ausgrabungsstätte einer römischen Stadt aus den Zeiten des Kaisers Augustus. Ein paar Stunden habe ich dort zwischen Schulklassen die Steine und Mosaike bestaunt, beeindruckt hat mich aber der Felsen in der Schlucht. Ich glaube, er ist es, der in dem Buch im Museum abgebildet ist. Ein hoheitlicher Felsen! Um ihn haben sich bestimmt schon vor den Römern Menschen versammelt. Es ist komisch, da renne ich jeden Tag durch die tollste Landschaft, es hat zwar viel geregnet, aber wenn die Sonne in Portugal scheint, dann so richtig, klar und intensiv setzt sie sich zwischen den Wolkenbergen durch, aber die meiste Anregung erfahre ich in den Momenten, wo ich einfach nur da sitze. Das Warten halte ich in der Herberge in Alvaiazere darum gut aus. Ich gucke mir einfach die Wand an. Es ist eine Steinmauer mit groben Steinen und Mörtel. Harris hat bereits beim Hereinkommen seinen Platz gewählt und plaudert nun mit einem Ding, das so ähnlich aussieht wie ein Pinguin. Sanfte Wesen mit unglaublich fantastischen Formen überziehen die ganze Wand. Da sind Ritter, freischwebende und diskutierende Köpfe, krebsartige Wesen und und und. Was das Wundervollste ist: Sie verwandeln sich manchmal im Sekundentakt, so kommt es mir vor. Ich glaube, mit unserer Wahrnehmung auf die Welt verändert sich die Welt selbst. So ist es mit unserer sozial angepassten, mathematischen, naturwissenschaftlichen Vorstellung. Mit ihr können wir nicht wahrnehmen, was noch alles um uns herum ist, lebt und sich wandelt. Und die, die das können oder sich nur wünschen, werden für verrückt erklärt. Die Menschen, die vor Urzeiten bei den Felsen waren, konnten das besser. Wir müssen wieder Sehen lernen und schwups verwandelt sich alles um uns herum und wird magisch. Und ach ja…. Ich glaube, ich habe herausgefunden, wie Drachen geboren werden. Alles, was man dafür braucht, ist ein Mann auf der Straße, der einem eine selbstgebastelte Kerze schenkt. Das ist möglich. Zumindest auf Pilgerreisen. Vorgestern kam mir ein schlottriger Mann mit einer Plastiktüte entgegengeeilt. Er hat mir zwei Kerzen “ candle“ in die Hand gedrückt. Bevor ich ein paar Münzen herauskramen konnte, ist er schon weitergeeilt. Gestern habe ich sie ausprobiert. Schaut selbst. Da ist der Drache aus der Überschrift. Adler hatte ich noch versprochen. Nun, ich habe ja schon alles mögliche geträumt, von grünen und blauen Flüssen, goldenem Kind, einer Wolfsbegegnung und davon, dass ich selbst ein Wolf bin. In diesem Traum hatte ich ein Adlerkücken in den Armen. Irgendjemand stand neben mir und hat mir gesagt, dass das gefährlich ist, was ich da mache. Ein zweites Kücken kam dazu und dann die Eltern…. Ihr werdet es nicht glauben, sie haben mich nicht zerfleischt. Die Könige der Lüfte haben sich zu mir gesetzt und mitgekuschelt. Was für eine Ehre!



























































































